11. November 2015 um 12:00 Uhr, 3 Kommentare

Am Samstag war ich nicht auf dem Pilatus und es war

Schrecklich, toll, beängstigend, grossartig, einfach, herausfordernd, hoch, steil, wunderschön, erfolgreich.abgrund

Ich traf mich gegen 9 Uhr mit Urs. Wir hatten seit einiger Zeit für diesen Tag abgemacht, wandern zu gehen. Ein grosser Traum von mir ist das Besteigen des Pilatus. Nachdem ich vor einigen Wochen bereits das Stanserhorn besiegt hatte, fühlte ich mich natürlich total bereit.

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Um 10 Uhr starteten wir im Dorf meiner Jugend, Stansstad, und starteten unsere Reise. Ich hatte mit Komoot eine Route über den Lopper geplant und da sie gleich bewertet wurde wie der Stanserhornaufstieg, dachte ich: KEIN PROBLEM!

Schon nach 10 Schritten war ich müde, erschöpft und wollte sofort wieder umdrehen. Urs ging es laut eigener Aussage gleich. Wir machten unsere erste Pause (um Rentner vorbeizulassen) bei der Kapelle am Lopper und spazierten dann wacker weiter. Interessanterweise fühlte ich mich danach nie mehr so müde und erschöpft wie am Anfang. Ich sah offensichtlich ab und zu mehr als über-erschöpft aus, aber ich fühlte mich stets grossartig und bereit es mit allem aufzunehmen.

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Plötzlich gingen wir an einem riesigen Ameisenhaufen vorbei und ich juchzte auf vor Freude. Als ich das letzte Mal den Lopper hochgekraxelt war, dachte ich bereits die Herbstwanderung geschafft zu haben. Das Ziel waren damals Ameisenhaufen. Erst jetzt hatte ich es also endlich wirklich geschafft. Wir erkundeten auch von Menschenhand erschaffene Höhlen und fanden dabei … Ach davon erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.

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Der erste Wendepunkt kam nach einer ziemlich steilen Klettertour. Wie steil sie war, war mir gar nicht bewusst gewesen. Urs offenbar auch nicht. Er drehte sich auf einer kleinen Plattform um und meinte «Ui, das ist jetzt aber schon etwas steil». Im Vorfeld hätte ich mich sicher gewarnt, gesagt ich solle mich nicht selber davon überzeugen. Aber zum Glück habe ich es getan. Ich wendete meinen Rücken dem Berghang zu und genoss die Aussicht. Es war wunderschön und unglaublich steil. Meine eigentlich schon auf Stühlen sehr akute Höhenangst meldete sich zwar, durchdrang aber nicht die Euphorie.

Wenn ich gewusst hätte, was nur wenige Meter von uns entfernt lauerte, hätte ich eventuell anders reagiert. Aber ich tat es nicht und so marschierten wir schnurstracks der Klippe entlang weiter. Plötzlich hörte ich Urs vor mir laut lachen. Es war diese Art von Lachen, die jeder kennt. Dieses «WTF soll das jetzt?»-Lachen. Gerade hatte ich meine Höhenangst überwunden und jetzt würde hinter der nächsten Ecke das nächste Level lauern? Ich versuchte mir vorzustellen, was da denn kommen könnte. Mit einem Kabel hätte ich aber nicht gerechnet.

Ja, der Pfad wurde so schmal, dass man sich an einem Kabel sichern musste. So schmal, dass er mit irgendeiner Holzkonstruktion zu verbreitern versucht wurde. Hätte ich das am Samstagvormittag gewusst, wäre ich niemals auf diese Reise gegangen. Aber als ich jetzt dieser Aufgabe einfach so gegenüber stand, tat ich es auch «einfach so». Klar spürte ich auch hier die Angst in meinem tiefsten Innersten. Meine kräftigen Pfoten gaben mir aber genug Sicherheit am Kabel, dass ich mich total wohl fühlte. Eine Kurve weiter wartete dann dies:

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Wenn man mein Gesicht erkennen würde, sähe man, dass ich auch das problemlos gemeistert habe. Urs kletterte dann auf das Chrummhorn. Ich wartete, denn mir war klar, dass ich dessen nicht gewachsen sein würde. Ich überprüfte währenddessen unseren Plan und erkannte, dass wir’s nicht rechtzeitig vor der letzten Talfahrt auf den Pilatus schafften. Die App hatte uns total verarscht.

Es war den ganzen Tag trocken und warm gewesen, nun nahmen wir die nächste Abzweigung nach unten. Auf der Schattenseite des Pilatus. Sofort wurde es kühl und rutschig und meine wahre Angst meldete sich. Die vor dem runter Klettern. Zum Glück bin ich fit und ziemlich beweglich. So konnte ich sehr viele Hindernisse trotz innerlicher Lähmung relativ schnell überwinden; auf allen Vieren. Urs machte das total Souverän, während ich innerlich langsam durchdrehte.

Wir versuchten eine Abkürzung (in Richtung «Gin») zu nehmen, die irgendwann zu einer Sackgasse führte. Eine Sackgasse für uns in Form einer zu krassen Felspassage. Wir gingen also normal weiter. Zumindest Urs ging. Ich rutschte die meiste Zeit mehr oder weniger dem Boden entlang. Gegenüber sahen wir wie das Sonnenlicht den Berg Rigi beleuchten. Beziehungsweise wie der Schatten immer höher wuchs. Irgendwann gingen die Lichter in den Häusern Hergiswils an und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Glücklicherweise war Urs zumindest die ganze Zeit vollkommen gelassen drauf. Selbst als es stockdunkel wurde und wir «seltsame Tiertöne» aus dem dunklen Wald hörten.

Schliesslich erreichten wir eine Strasse und wurden von meiner Mutter abgeholt. Ich war so erleichtert! Und ich war stolz darauf, die Fassung nur fast verloren zu haben. Meine Hosen sahen danach so aus:

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Ein grosses Dankeschön an Urs für den tollen Ausflug, die grossartigen Bilder (die ich frecherweise ohne zu fragen hier verwende) und das mich Ertragen/Unterstützen.

Noch zwei (inzwischen) lustige Anekdoten: An jenem Samstag habe ich meinen ersten Text bei «letzteworte.rip» erfasst. Mitten im Wald dachte ich: shit, das Universum denkt nun ich hätte mit dem Leben abgeschlossen! Scheiss App! Als ich neben dem Chrummhorn auf Urs wartete schaute ich einige Fotos durch und dachte: OMG, das sind genau so typische «letzte fröhliche bevor sie in die Tiefe stürzten»-Fotos. Später im finsteren Wald dachte ich plötzlich wieder daran.

Einerseits bin ich froh, ist es vorbei. Andererseits – und das überwiegt – kann ich den zweiten Versuch auf den Pilatus zu steigen kaum erwarten. Ich empfinde den Tag übrigens als Erfolgreich. Ja, wir haben den Pilatus nicht erreicht, aber es ist so ein anspruchsvoller Weg und ich habe so viele Ängste überwunden. Was will man mehr?

Ein Tag an dem man alte Grenzen überschreitet und neue früh genug erkennt ist ein guter Tag.

Cheers!

3 Gedanken zu „Am Samstag war ich nicht auf dem Pilatus und es war“

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