2. Februar 2015 um 13:32 Uhr

Ich möchte (auf keinen Fall) wie Alan Turing sein.

Gerade haben wir «The Imitation Game» geschaut. Einen grossartigen Film mit Benedict Cumberbatch über das Leben von Alan Turing und das Knacken der Enigma-Maschine. Ich empfehle jedem, den Film zu schauen. In mir hat er einige Fragen und Gedanken ausgelöst, die nicht unbedingt direkt etwas mit dem Film an sich zu tun haben. Dennoch möchte ich sie mit euch teilen.

Ich möchte sein wie Alan Turing

Alan Turing war ein britischer Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker. Und zwar ein ausserordentlich guter. Er erfand nicht nur quasi den Computer, sondern baute auch die Maschine, die den Alliierten im zweiten Weltkrieg einen massgebenden Vorteil den Deutschen gegenüber erbrachte. Das möchte ich eigentlich auch sein, jemand ausserordentliches. Ausserordentlich intelligent, ausserordentlich begabt, ausserordentlich brillant. Aber ich schaffe es ja kaum, einen halben Absatz ohne Schreibfehler zu tipseln.

Ich möchte nicht sein wie Alan Turing

Das Ganze hatte aber auch seine Nachteile. Er war wohl gewissermassen ein Soziopath und konnte schwer mit anderen Menschen umgehen. Offenbar kann diese Art von Brillanz nicht einhergehen mit einem normalen sozialen Verhalten. Alan Turing ist ja bei weitem nicht das einzige bekannte Genie mit dieser Schwäche. Wie Savants, die eine einzige Sache so gut können, dass sie sonst nichts können. Eine Art Superkraft, die einem nichts bringt, weil man kaum weiss, sie richtig einzusetzen.

Nun, Turing war auch schwul. Das war in den damals noch Verboten (man stelle sich das mal vor) und es wurde versucht, ihn mit einer Hormontherapie zu heilen (man stelle sich DAS mal vor). Dies hat ihn höchstwahrscheinlich in eine Depression und schliesslich wohl auch in den Selbstmord getrieben. Der Film zeigt jedoch, dass er auch sonst wohl nicht der fröhlichste und glücklichste Mensch gewesen wäre.

Ich bin (oder war?) auch sozial unbeholfen – aber wohl kaum, weil ich schwul bin. In einem Ausmass wie Turing möchte ich dies aber niemals sein.

Die Turing Frage

Was hat es ihm am End‘ gebracht, so grossartig zu sein? Er führte ein trauriges, einsames Leben, wurde kaum dafür geehrt, was er war und erreicht hatte. Erst 2009 wurde er – 55 Jahre nach seinem Tod – königlich begnadigt und geehrt. Ja, sein Name ging in die Geschichte ein und für viele – auch für mich – ist er ein Held. Aber eigentlich ist er nur einer von vielen Kollateralschäden. Ist das tatsächlich erstrebenswert? Sich für viele zu opfern, ohne zu Lebzeiten irgendwelche Anerkennung zu erhalten? Im Film sagt Turing, dass er die Enigma lösen will, weil es ihn interessiert und nicht des Krieges, der Anerkennung wegen. Womöglich muss man also gar kein Mitleid mit ihm haben. Trotzdem frage ich mich: Wäre es nicht erstrebenswerter, etwas dümmer, dafür aber glücklicher zu sein?

Viele meiner Freunde – inklusive meinem Ehemann – vergleichen mich des öfteren mit dem «Big Bang Theory» Charakter Sheldon Cooper. Auch er ist hochbegabt und gleichzeitig ziemlich «sozial seltsam». Mich stört dieser Vergleich eigentlich, denn ich finde nicht, dass es stimmt. Natürlich, würde ich niemals abstreiten, «seltsam» zu sein – HAHAHAHAHA. Das Schlimmste am Vergleich ist nicht, dass die anderen mich für seltsam halten. Sondern dass es impliziert, ich wäre ein Genie, was ich leider nicht bin. Denn ich schaffe es nicht, die Grossartigkeit dieser Art Mensch zu imitieren, obwohl ich es eigentlich stets versuche. Ich spiele wohl auch eine Art «Imitation Game» und versuche – unbewusst – die anderen davon zu überzeugen, dass ich brillant bin. Dabei bin ich nur schräg – und besser im Googlen. Ob meine Situation nun trauriger oder erstrebenswerter als die von Alan Turing ist, weiss ich nicht. Das ist ja aber auch genau die zentrale Frage, die mich beschäftigt.

Die Welt oder sich selbst verbessern? Nun, zufälligerweise habe ich ja gerade letzte Woche eingesehen, die Welt wohl niemals zu verändern. Dann werde ich wohl weiterhin vor mich hin meine Gedanken in den Äther schrei(b)en, auch wenn es keinen interessiert.

-pfoffie

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