12. Juni 2015 um 12:52 Uhr, 2 Kommentare

«Der normalste Tod» – Teil 5 einer Kurzgeschichte

Heute ist es soweit: Das Finale meiner Geschichte. Endlich können die Bingeleser die ganze Geschichte in voller Pracht und an einem Stück durchlesen. Ein grosses Dankeschön an alle, die «Der normalste Tod» gelesen haben. Ich hoffe es hat euch gefallen! Viel Spass mit dem Kapitel «13. Juni 2015».

normtod5

13. Juni 2015

Er war wieder da. Stand direkt neben meinem Bett und starrte mich mit seinen leeren Augenhöhlen an. «Du lebst ja immer noch» sagte er knirschend. Ich konnte nicht genau ausmachen, was knirschte, aber es waren nicht seine Zähne. «Du warnst mich ja immer», antwortete ich.

«Aber du hörst ja nicht auf mich! Bist jetzt in Frankreich, obwohl ich dir von den Maschinengewehren erzählt habe.»

«Ja, was sollte das mit den Maschinengewehren? Charlie Hebdo? Es ist schon interessant, wie gut dieses Ereignis auf deine vagen Beschreibungen passt. Und ich gab auch Interviews bei diversen Hebdomadeires. Nicht aber bei diesem. Ich war nicht mal in Paris dann.»

Ich hatte ihn eiskalt erwischt. Da bin ich mir ganz sicher. Aber er liess sich nichts anmerken. Ich fragte mich, ob wir eigentlich Freunde sind. Ob es wirklich «der» Tod ist oder einfach die Manifestation einer paranormalen Fähigkeit, Dinge vorauszusehen. Eine Superheldenkraft, die vage Ereignisse voraussagt, irgendwie, irgendwo, irgendwann – aber mit Maschinengewehren. Was soll ich mit so einer ungenauen Begabung anfangen?

«Du willst genaue Beschreibungen?»

«Ja»

Er rückte näher an mein Bett und bückte sich näher zu mir. «Heute», sagte er ganz leise, «wird dich ein Bombenanschlag im Einkaufszentrum in 1433 Stücke zerreissen.» Er klang verschwörerisch. Ich wusste aber nicht, ob er sich mit mir oder gegen mich verschwören wollte.

«Des Todes Pläne sind so einfach zu ergründen!», sagte ich selbstsicher.

«Wenn du meinst», sagte er trocken und eiskalt, «Bis später dann.» Er verliess das Zimmer, schloss die Tür nicht und ich wartete darauf, aufzuwachen. Bis ich merkte, dass ich bereits wach war.

Dieser Traum war intensiver, echter als die anderen. Ob das ein Zeichen dafür ist, dass es wirklich nur ein Traum war? Auch auf den Magen hat es mir bisher nicht geschlagen. Gut, ich habe einen starken Druck auf der Brust. Aber nach solchen Träumen ist das ja ganz normal. Dennoch frage ich mich, was ich tun sollte. Ich hatte nicht mal vor, ins Einkaufszentrum zu gehen. Sollte ich jetzt Heute gehen um die Menschen zu warnen? Ist genau dies des Todes Plan? Hat er all die Jahre nur darauf hin gearbeitet? Ich gehe dort hin obwohl ich nicht muss und werde dann von einer Bombe in 1433 Stücke gerissen? Eine selbsterfüllende Prophezeiung? Ich gebe zu, ich hatte geflunkert. Des Todes Pläne sind ganz und gar nicht einfach zu ergründen.

Inzwischen habe ich das Gefühl, dass der Tod beim Verlassen des Raumes gelächelt hat. Aber ein Schädel kann nicht lächeln. Ich werde Heute einfach zuhause bleiben und später dann anonym das Einkaufszentrum warnen. Jetzt lege ich mich aber noch einmal schnell hin.

j-net

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