9. April 2014 um 11:28 Uhr, 1 Kommentar

Gedanken zu «Noah» und ein Versuch ihn zu verstehen

Wie ich Gestern bereits gezeigt habe, hat mir Darren Aronofskys neuster Film «Noah» wirklich sehr gut gefallen. Das ist eigentlich überraschend, bin ich doch so gar nicht religiös. Im folgenden Beitrag möchte ich nun etwas tiefer auf die Geschichte im Film eingehen und aufzeigen, was für Symbole ich in diesem Film erkannt zu haben glaube und inwiefern ich mich mit Ihnen identifiziere. Dafür werde ich wahrscheinlich die eine oder andere Stelle des Films verraten, wirre Themensprünge machen und mich allgemein zu langatmig ausdrücken. Wie immer. 🙂 Viel Spass!

Es gibt einige Dinge in «Noah», die mir stark aufgefallen sind. Angefangen beim fragwürdigen Handeln vom Hauptcharakter Noah. Gott spricht nie wirklich zu ihm, sondern zeigt ihm nur Bilder. Man könnte argumentieren, dass Noahs Träume «nur» etwas zeigen, das ein zeitgenössischer Meteorologe auch vorhersehen könnte. Auf der anderen Seite sehen wir ganz klar eine Welt voller Magie: Hellseherische Träume sind also nicht weit hergeholt. Wenn es sich aber «nur» um eine Zukunftsvision handelt, wäre es gefährlich, etwas göttliches hineinzuinterpretieren. Ist es wirklich in Gottes Sinn, alle Menschen zu töten und nur die Tiere zu retten? Explizit ausgesprochen wird das nie. In einer Traumszene steigen zwar Tiere aus den Toten Menschen hervor und schwimmen zur Arche. Reicht das für eine so extreme Annahme, dass Gott die ganze menschliche Spezies ausrotten will?

Interessanterweise wird Noahs Vorhaben im ganzen Film niemals in Frage gestellt. Von niemandem. Alle finden sein Handeln in Ordnung, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Beim Zuschauer ist dieser Punkt schon recht früh erreicht, als Noah die neue Freundin seines Sohnes zum Sterben zurücklässt. Die ihn umgebende Truppe ist später leicht entrüstet, als er keinem der schreienden Menschen ausserhalb der Arche Zuflucht bieten will. Aber wirklich gegen ihn stellen sie sich erst, als er sich dazu entschliesst, seine Enkelkinder zu töten, sollten es denn Mädchen sein. Nur Gott scheint auch auf dieser Seite zu stehen und hört genau dann auf zu regnen, als Noah ihm schwört seine Nichten zu töten. Wie ist das zu verstehen? Warum glaubt Noahs Truppe alles, was Noah über Gott sagt, ausser das? Warum beachtet Gott nur Noah? Würde es als Gott nicht mehr Sinn machen, die Bösen zu bekehren?

In der Bibel wird Noah von Gott auserwählt, weil er einen so starken Glauben hat. Was, wenn Noah aber einfach der Verrückteste unter diesen Wilden ist? Er baut eine Arche und hat zufälligerweise recht mit seiner Vision. Möglicherweise löst er die Sintflut sogar unterbewusst selber aus. Sein Grossvater kann zum Beispiel Krankheiten heilen und das ist bei Weitem nicht das einzige magische in dieser Welt. So weit ist da der Schritt zu einem verrückten Regenmacher nicht mehr. Das Wasser tritt genau dort aus dem Boden, wo sie campen und die Bäume wachsen aus einem unglaublich fruchtbaren (da verkohlten) Boden. Ob diese Kraft von Noah ausgeht oder von einem Gott, kann man aufgrund der Indizien nicht sagen. Stellen wir uns vor, Noah hätte einfach starke, übersinnliche Fähigkeiten. Zu denken Gotte löse diese Dinge aus, wäre zwar vollkommen verständlich, aus heutiger Sicht aber einfach ein religiöser Wahn.

Zugegeben: In meiner Gleichung lasse ich gerade frech zwei Dinge aussen vor: Die Steinwesen sind ein Beweis für Gott. Es sind Engel die Zeugnis ablegen, IHN schon gesehen zu haben. Und auch die Anreise der Tiere fühlt sich nach «intelligentem Design» an. Würden die Tiere einfach fliehen, kämen ganze Herden derselben Art. Es kommen aber immer nur zwei von jeder Sorte.

Trotzdem finde ich, steht die Rolle Gottes in diesem Film auf einem wackligen Sockel. In der biblischen Ausführung, entscheidet Gott nach der Sintflut, die Menschen zu verschonen (obwohl sie schlecht sind). In dieser Filmversion ist es Noah, der diese Entscheidung trifft. Wurde Noah die Entscheidung wirklich von Gott übergeben, wie seine Frau es andeutet, oder warum folgen auf das Überleben seiner Nichten keine weiteren Sanktionen? War es ein Test von Gott? Es wäre nicht der erste grausame Test Gottes.

Gott wird eigentlich sehr bibelgetreu nachgestellt in diesem Film: Ziemlich grob und explizit in seinen Ausführungen aber sehr willkürlich was seine eigentliche Meinung anbelangt. Es spiegelt ein generelles Problem der Bibel wider, die einen sehr schwer greifbaren Gott darstellt. Einen Gott, dem man die Omnipotenz nicht wirklich abnimmt. Er erscheint eher als ein Zauberer von Oz, der mit verblüffenden Tricks die Dummen zum Narren hält. Am Ende könnte Gott in diesem Fall auch ein ausserirdisches Wesen sein, das uns nach seinem Abbild geschaffen hat. Die Unfähigkeit, mit den Menschen wirklich kommunizieren können und sein rabiates Verhalten erinnern mehr an die Beziehung zwischen einem uneinsichtigen Haustier und seinem Herrchen. Das lässt ihn eher übermenschlich als omnipotent erscheinen. Er kann ein gut ein uns weit überlegenes Wesen sein, aber wirklich ein omnipotenter Gott?

Interessant ist auch, wie Darren Aronofsky meiner Meinung nach einige Bibelkritische Stellen eingebaut hat. Im Film wird erwähnt, dass Gott uns das Recht gegeben habe, uns die Erde untertan zu machen. Nur wird das nicht von den «Guten», sondern von den «Bösen» gesagt. An einer anderen Stelle erzählt Noah die Schöpfungsgeschichte. Ganz genau so wie wir sie kennen: 1. Tag: Licht, 2. Tag: Nacht, 3. Tag… und so weiter. Dazu läuft aber ein Zeitraffer vom Urknall, der Bildung der Sonne,  des Sonnensystems und der Erde. Selbst der Einschlag von Theia, durch welchen der Mond entstanden sein soll, wird gezeigt. Auch Noahs langsame Wandlung vom Pro- zum Antagonisten fühlt sich kritisierend an. Ob hier die Bibel oder die Menschheit kritisiert wird, kann ich aber nicht entscheiden. Womöglich gibt es noch weitere versteckten Symbole, die mir noch nicht aufgefallen sind.

Irgendwie erinnert mich das an den Da Vinci Code. In einer dieser Da-Vinci-Code-Hype-Dokusendungen ging man darauf ein, dass von insgeheim rebellischen Künstlern in «sakralen» Kunstwerken oft Antikirchensymbole versteckt worden seien. Ob das wirklich stimmt, weiss ich nicht. Aber ich hatte manchmal das Gefühl, dass Aronofsky etwas Ähnliches versuchte. Ich kenne Aronofskys Gesinnung natürlich nicht und bei meinem Glück ist er ein ultrakonservativer Hohepriester der Opus Dei oder so. Trotzdem fühlt sich die Irreligiosität dieses Films suspekt an. In anderen Religionsfilmen werden wir pausenlos an die unabdingbare Wahrheit der Existent Gottes erinnert. Er spricht direkt zu den Menschen und macht freakige Wunder. Noah wirkt viel rationaler, weltlicher und erklärbarer.

Ich denke, dass man den Film als eine Metapher sehen sollte. Im Gegensatz zur generellen Auslegung der Bibel macht bei einem Film niemand einen Hehl daraus, dass alles «quasi» erstunken und erlogen ist. Das Herausnehmen von «Das ist alles wirklich so passiert» aus dieser Gleichung, gibt mir endlich die Möglichkeit, die komplette Geschichte als Metapher zu sehen. (Was ja Atheisten gegenüber immer das Argument #1 beim Missionieren ist) Die Frage ist nur, als eine Metapher wofür?

Die Frage ob eine Geschichte wie die von Noah wirklich passiert ist, steht also gar nicht im Raum. Sie ist irrelevant. Es geht darum, was ein solches Szenario für Fragen aufwirft. Stichwort «Gedankenexperiment». Welches menschliche Verhalten rechtfertigt eine solch drastische Massnahme. Noah und seine Familie leben höchstwahrscheinlich vegan, sind aber mit Sicherheit Vegetarier. Wirklich etwas essen sieht man sie aber nie, ausser der später abtrünnige Sohn, dem Fleisch angeboten wird. Fleisch zu essen wird mit den zum Tode verurteilten Bösen assoziiert. Es ist eine ihrer vielen negativen Eigenschaften.

Ist Fleischessen also die Wurzel allen Übels? Noah stünde heutzutage ganz und gar nicht alleine da mit dieser Meinung. Sein Vorgehen ist aber eigentlich genauso brutal und ohne Vergebung wie das Verhalten seines Fleischfressenden Sohnes. Beide Seiten dieser Medaille glänzen nicht.

Ist Gott eine Metapher für Greenpeace, die ohne Rücksicht auf Verluste die Welt retten wollen? Ist der Film eine Metapher dafür, dass man die Welt vielleicht gar nicht retten kann? Wer entscheidet, was ethisch korrekt ist und wo die Grenzen gezogen werden müssen? Im Film tut dies Noah. Nicht, weil man ihm die ethische Führung übergibt und ihm freiwillig folgt, sondern weil er der Stärkste ist, ein Diktator. Er wandelt sich vom Paulus zum Saulus. Und das ist Gefährlich: Ein gutes Vorbild, ein Samariter verwandelt sich in einen gnadenlosen Gotteszombie, der nur knapp die letzte Grenze nicht überschreitet. Auch wenn seine Familie es will, sie schaffen es nicht mehr, ihm Herr zu werden, weil sie den Moment der Verwandlung verpasst haben. Genauso wie der Zuschauer auch. Denn Noahs Verwandlung geht so langsam vor sich, dass man es kaum merkt. Wie ein Frosch im sich langsam erwärmenden Wasser. Womöglich war aber Noahs Einstellung auch immer dieselbe, vor der Sintflut erschien sie uns einfach als eine gute und richtige Einstellung.

Am Ende starten sie dann doch in eine neue Welt. Voller Hoffnung, Liebe und Frieden. Aber am Anfang ist immer alles gut. Menschen tun aber «Böses» aus dem selben Grund, warum Bäume so hoch wachsen: Weil sie es können und um zu überleben es oft auch mussten.

Wir sehen ja, wo wir Heute wieder stehen. Hat es wirklich einen Noah gegeben und hat er wirklich für Nachkommen gesorgt, so hat er nach einem gewaltigen Purge den Grundstein dazu gelegt, dass es genau so scheisse weiterging wie vorher. Wie dieser eine Akne-Erreger, der sich auch nach tausend Clearasil-Waschgängen immer wieder in irgendeine Pore einschleichen kann.

Würde alles besser werden, wenn die Menschheit ausgelöscht würde? Ich glaube es nicht. Es käme einfach die nächste Spezies, die toll und unschuldig anfängt, nur um sich danach zu den gleichen Monstern wie wir hochzuarbeiten. In der Bibelversion sieht Gott nach der grossen Flut ein, dass er die Menschen weder auslöschen noch verändern kann. Das omnipotente Wesen gibt sich geschlagen vor einem Rätsel, das unlösbar ist.


Unterm Strich denke ich, ist die grosse Frage des Films: Wie weit darf man gehen um die Natur zu retten, wenn man sie eigentlich gar nicht retten kann?

Noahs Versuch, die Erde zu retten vergiftet am Ende die Seele eines Sohnes. Dieser wird wohl in die Welt hinausziehen, weiterhin Fleisch fressen und irgendwann mit einem heissen Schimpansen-Harem unsere heutige Rasse begründen. Zurück auf Seite eins. Muss vielleicht die Definition von «retten» angepasst werden?


Unterm zweiten Strich muss ich mich natürlich auch fragen, ob ich hier nicht einfach mal wieder zu viel in etwas hineininterpretiere. Womöglich möchte ich diese Dinge einfach sehen und ich wünsche mir von Darren Aronofsky, dessen Filme ich doch so mag, dass er sie mir zeigt. Ein bisschen Selbstreflexion schadet ja nie. Vielleicht bin ich verrückt, vielleicht bin ich aber nicht der Einzige, der das so sieht.

Dieser Eintrag erinnert mich an meine aktivsten Bloggerzeiten. Als ich philosophisch über spirituelle Fragen philosophierte (ja, ich habe philosophisch philosophiert, einfach nur philosophieren ist für Anfänger). Jetzt tue ich dasselbe über die tiefere Bedeutung eines Films. Macht das wirklich Sinn? Wohl kaum. Aber wahrscheinlich ist dieser Blogeintrag auch nur eine Metapher.

Danke, dass Du, lieber Leser, Dir die Zeit genommen hast. Wenn du nicht vollkommen erschöpft von diesem unglaublich lang(weilig?)en Artikel bist, freue ich mich über Deinen Kommentar. Auch wenn du findest, das war der grösste Mist, den du je gelesen hast 🙂

Metapforische Grüsse,
Pfoffie

Dies ist ein Nachfolge-Beitrag zu meinem ausführlichen Review über den Film «Noah» von Gestern. Im Review verrate ich keine Einzelheiten des Films. Im folgenden Text verrate ich einiges. Dies ist somit eine Spoilerwarnung.

Ein Gedanke zu „Gedanken zu «Noah» und ein Versuch ihn zu verstehen“

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