1. September 2015 um 12:12 Uhr, 2 Kommentare

«Hamster und Ameise» – eine Kurzgeschichte

2010 habe ich ja einen Schreibkurs gemacht. Die «Lehrerin» fand ja grundsätzlich alles scheisse, was ich damals produziert hatte. Vorgestern bin ich zufällig in meiner Notizen-App über eine Kurzgeschichte von damals gestossen und ich fand sie überraschend lustig. Natürlich muss ich das mit euch teilen! Wie untalentiert findet ihr mich eigentlich?

hamseise

Hamster und Ameise

«Ihr armseligen Ameisen», sagte ein Hamster. «Verlohnt es sich der Mühe, dass ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so Weniges einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!»

«Höre», antwortete eine Ameise, «wenn er größer ist, als du ihn brauchst, so ist es schon recht, dass die Menschen dir nachgraben, deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem Leben büßen lassen!»

Gotthold Ephraim Lessing, 1759

Wird ein Haus oder eine Wohnung einer ruhigen Strasse Opfer eines Raubüberfalles, entsteht dadurch meist eine latente Angst in der gesamten Nachbarschaft. Sobald ein zweites Mal eingebrochen wird, verändert sich die latente in pure Angst. Dies jedoch nur, wenn der zweite Raub auch wirklich jemand anderes betrifft.

Hans Kricetina, seines Zeichens Inhaber der erfolgreichsten Werkzeugfabrik des Landes und Nachbar von Anton Endts wurde ausgeraubt. Schon wieder. Es ist das zweite Mal diesen Monat. Eigentlich zählt er gar nicht mehr. Was auch immer er tut, welche Form der Sicherheit er auch installiert, immer wieder verschafft sich jemand Zutritt zu seinem Heim und bestiehlt ihn. Es fehlt nie viel, aber es reicht. Seine Einrichtung ist teuer. Er weiss nicht, wieviele Male er dieses Jahr schon ausgeraubt wurde und wahrscheinlich hat selbst die Polizei schon aufgehört zu zählen.

«An Dinge, die so oft geschehen, sollte man sich eigentlich gewöhnen», meinte er im Juli, «Aber an den steten Verlust von Eigentum kann man es nicht.»

Anton Endts ist nicht nur Nachbar von Kricetina. Er ist auch sein wichtigster Konkurrent. Auch Endts ist stolzer Besitzer einer Werkzeugschmiede. Bei Weitem nicht in dem Ausmaß erfolgreich wie «Kricetina Werkzeuge» aber noch immer genug, um sich im nationalen Vergleich auf dem zweiten Platz zu rangieren. Anton ist ein arbeitsamer Chef. Seit 17 Jahren leitet er inzwischen diese Firma, bei welcher er zuvor schon 20 Jahre lang leidenschaftlicher Mitarbeiter war. Er liebt die Werkzeugproduktion und ist auch als Geschäftsleiter noch immer mit Leib und Seele ein Schmied.

Ein solches Verhalten kann man Hans Kricetina nicht nachsagen. Von seinem Vater erbte er die bereits florierende Unternehmung vor 19 Jahren. Davor hatte er sich die Finger nie schmutzig gemacht. Aber das tut er natürlich auch jetzt nicht. Er ist schon seit jeher einer, der es mehr im Kopf als in den Händen hat. Sein Geschick im Marketing und der Buchhaltung sind kaum zu übertreffen. So ist es auch keine Überraschung, dass inzwischen beinahe jede Werkzeugmanufaktur gross das Label Kricetina trägt. In seinen Augen ist Endts mit seinen Nischenwerkzeugen nur ein mickriger, ungefährlicher Nebenbuhler. Hans ist sich zudem sicher, auch diese Firma bald schon zu annektieren. Genau so, wie schon viele andere zuvor.

Endts jedoch, fürchtet sich vor keiner Übernahme. Die Geschäfte laufen gut, wenn auch nicht ausserordentlich, aber wirklich gut genug. Es scheint sogar, als ob er bald noch leicht expandieren könnte. Dennoch sieht jeder sofort den grossen Unterschied zwischen den beiden im direkten, materiellen Vergleich: Endts besitzt ein schönes, modernes Einfamilienhaus, 6 grosszügige Zimmer und von einem kleinen Garten umgeben. Alles sehr gemässigt, nichts übertrieben und manchmal sogar etwas zu klein, wenn alle Kinder mit deren Partnern sie besuchen. Daneben sticht Kricetinas Haus fast wie ein Palast hervor. 3 Stockwerke, 12 Zimmer, zwei Pools und eine eigene kleine Tiefgarage.

«Etwas viel für einen Alleinstehenden, oder nicht?», kommentiert Antons Frau Linda Kricetinas Situation gern. Anton versucht stets diese etwas eifersüchtigen und missgünstigen Aussagen zu relativieren. «Er hat sich das Geld ja genauso wie alle anderen verdient.»

Aber diese Ansicht teil nicht jeder und schon gar nicht die Angestellten von Hans Kricetina. Denn während Anton einer dieser Chefs ist, die man mag, ist Kricetina einer der Sorte, die man hasst. Die Löhne pendeln immer um das vorgeschriebene Minimum. Unterschreiten dieses sogar manchmal. Zumindest solange der Betroffene es nicht merkt. Nach mehr Lohn wird kaum gefragt. Denn wer es tut, muss damit rechnen, nach kurzer Zeit nicht mal mehr einen Job zu haben. Seit der Kinoverfilmung von Dickens‘ Weihnachtsgeschichte wird Kricetina hinter seinem Rücken nur noch abschätzig Scrooge genannt. «Nur dass bei dem nie Weihnachten wird!»

Und das bezieht sich nicht nur auf die hamsterhafte Gier, die Kricetina innewohnt. Nein, auch sein griesgrämiger, leicht soziopatischer Charakter hält mit Scrooge mit. Jeannine, Tochter von Anton und angehende Psychologin versuchte Hans Kricetina einst zu analysieren.

«ich versteh’s nicht, Vater», meinte sie nach einigen Wochen.

«Warum? Er ist halt einfach böse…» Natürlich meinte Anton das nicht ernst. Er ist sich bis Heute sicher, dass niemand einfach so, aus sich heraus und grundlos böse sein kann.

Dennoch, selbst Jeannine schien plötzlich dieser Meinung zu sein. «Aber so etwas gibt es nicht», redete sie sich ein und versuchte sich wirklich mit ihm anzufreunden. Doch es gelang ihr nicht. Kein psychologischer Trick, keine Aufmerksamkeit konnten Hans Kricetina auf- oder zumindest antauen. Schliesslich gab Jeannine auf und akzeptierte wider aller Grundsätze, dass es wahrscheinlich keinen Grund für Kricetinas Grantigkeit gibt.

 

Doch Grantigkeit ist nicht das einzige Wort, dass ihn beschreibt. Bei weitem nicht. Auch Arroganz hinzuzufügen reicht noch nicht. Obwohl ihn all dies bereits zum perfekten Antagonisten des gesunden Menschenverstands macht. Nein, er muss zu allem Überfluss, den ihn ja sowieso schon umgibt, auch noch ein Angeber sein. Jeder im Dorf weiss über jede von Kricetinas Anschaffungen bescheid. Und zwar mit einem Detailgrad, der jeden National Geographic Artikel in den Schatten stellt. Man weiss, woher die Ware kommt, wie alt sie ist, wie exklusiv, wem sie zuvor gehört hat und vor allen Informationen am wichtigsen, wieviel Hans dafür gezahlt hat. Es grenzt an ein Wunder, dass er keine Zeitungsartikel über sich drucken lässt.

Linda brachte es einst auf den Punkt als sie meinte: «Würde ich ein Buch schreiben und den Bösewicht an Kricetinas Charakter anlehnte, hätte es wohl gar keinen Platz mehr für einen Helden!» Anton bleibt derweilen relativ ruhig. Weder beneidet, noch verachtet er Kricetina. Jedem der ihm nichts tut, will auch er nichts Böses.

«Und dass sein Masterplan die Übernahme deiner Firma beinhaltet tut dir nichts?» Lindas Aussage sticht Anton mitten ins Herz. Das ist natürlich ein Problem. Aber solange es nur ein Plan ist, tut es Anton wirklich nichts. Von seiner Familie, seinen Freunden und eigentlich allen, die ihn kennen wird Anton als ausserordentlich ausgeglichen und freundlich charakterisiert. Auch seine Angestellten können kaum ein schlechtes Wort über ihn verlieren. Ausser seinen drei Töchtern hat ihn wohl noch nie einer wütend erlebt.

Zumindest bis zum Montag Mittag vor einigen Wochen. Endts kam gerade von einem anstrengenden Meeting mit negativem Ausgang. Sie hatten einen Grosskunden verloren. Natürlich an Kricetina.

«Na Endts, wie ist das Befinden?» Kricetina lag bei einem seiner Pools. «Siehst müde aus!»

«Du nicht, du fauler Sack», murmelte Endts leicht genervt vor sich hin, ohne sich weiter um Hans zu kümmern.

«Wie?», fragte Kricetina desinteressiert und wartete auch keine Antwort ab. Es war ihm gleich. Etwas anderes war ihm wichtig.

«Meinen neuen Wagen schon gesehen?»

«Ja»

«Ein Maybach, mit Fahrer»

«Ich weiss»

«Weisst du auch was er gekostet hat?»

Anton drehte sich stumm weg, machte die Faust in der Tasche. Er erkannte, dass er erst nicht erst hätte reagieren sollen. Kricetina wusste die Stille aber zu überbrücken.

«Hat mehr gekostet als der schäbige Hundezwinger in dem du lebst!» Kricetina lachte. Genau so laut und klischeehaft, wie es Leute wie er eben taten.

Das war der Moment, in welchem es Anton Endts zu viel wurde. Die ewige Angeberei, dieser verlorene Kunde und nun diese Beleidigung. Es reichte. Anton atmete tief durch und drehte sich nicht nach Kricetina um. Doch bevor er weiterging sagte er ruhig und gefasst zwei ungeplante Sätze, die inzwischen das ganze Dorf kennt.

«Wir anderen mögen nicht so erfolgreich, nicht so reich, nicht so wie-toll-auch-immer sein wie du. Aber wenigstens werden wir nicht von unseren eigenen Angestellten ausgeraubt.»

Es war natürlich nur eine aus Erregung ins Blaue vermutete, boshafte Theorie. Doch würden die Beamten Kricetina nicht auch verachten und sich mehr bemühen, würde sich herausstellen, dass Anton recht hatte.

Ende.

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