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Das wichtigste Bedürfnis in einer Beziehung ist das des Partners

Und ich höre dich schon schreien. «Was ist denn mit meinen Bedürfnissen?», «Soll ich meinem Partner einfach hörig sein?», «Das klingt toxisch!». Aber gib meinem Gedanken eine Chance.

Viele werden genau denselben Gedanken haben. Wahrscheinlich wird es auch einige geben, die den Titel lesen und «Das stimmt!» denken, weil sie sich für «den Partner» halten (und sich jetzt vielleicht erwischt fühlen). Beide Reaktionen sind normal und absolut zu erwarten: Die monogame Heteronormativität wird in der Gesellschaft und insbesondere im Entertainment beinahe ausschliesslich extrem besitzergreifend, einseitig und toxisch dargestellt. Dank unserem wachsenden Erkennen der eigenen Individualität und dem Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit merken wir, dass da etwas «off» ist. Darum wollen wir uns das von unseren Partnern natürlich nicht mehr gefallen lassen.

Und ja, ich meine Partner natürlich genderneutral. Aber mehr noch meine ich es auch kontextneutral: Beziehungen kommen in vielerlei Formen. Romantisch, freundschaftlich, familiär, geschäftlich oder auch nur mit Fremden auf der Strasse. Alle sind durchzogen von dieser einseitigen Toxizität. Diesem egozentrischen Gedanken, dass das Gegenüber einem etwas schuldet.

Die traditionellen Rollenverteilungen boten immerhin eines: Klarheit. Alle kannten ihren Platz. Aber diese Klarheit war teuer: die Rollen waren arbiträr verteilt und darum intrinsisch unfair. Ein unfaires System erzeugt zwangsläufig Gegenbewegungen. Es ist also gut, dass wir die Traditionen durchbrechen. Nur: Was wir dabei verloren haben, ist eine gemeinsame Antwort auf die Frage, wie wir einander begegnen wollen. Eine unglaublich schlechte Antwort, aber wenigstens war es eine Antwort.

Und trotzdem schreibe ich, dass das wichtigste Bedürfnis das des Partners sei. Klingt extrem traditionell, extrem einseitig. Genau das, was man seinem Gegenüber vorwerfen würde. Vor dem wichtigsten Bedürfnis kommt aber etwas anderes.

Die wichtigste Regel:

Alle handeln nach dem Bedürfnis des Gegenübers.

Wenn alle zuerst an die anderen denken, kommt niemand zu kurz. Alle fühlen sich sicher, ihre Bedürfnisse auch mal auszusprechen, ohne daraus einen Handlungsbefehl für das Gegenüber zu erschaffen. Die Bedürfnisse des Partners zu respektieren bedeutet nicht, die eigenen zu verschweigen. Es bedeutet, einen offenen Diskurs darüber führen zu können. Zu wissen, dass das Gegenüber ein offenes Ohr haben wird. Es bedeutet, keine Vorwürfe zu machen. Es bedeutet, die Bedürfnisse des Gegenübers so aktiv zu respektieren, dass es sich bemerkt und verstanden fühlt. Und es bedeutet, aufgrund der notwendigen Gegenseitigkeit dieser Regel, dass man es auch selbst vom Gegenüber spürt.

Wenn du dich in deiner Beziehung unfair behandelt fühlst, solltest du darüber reden können. Wenn dein Gegenüber deine Bedürfnisse nicht hören will oder auf sie immerzu bloss mit seinen eigenen reagiert und deinen keine Luft gibt, solltest du dir ein neues Gegenüber suchen. Beziehungen sind etwas Gegenseitiges. Alles andere ist Besitz.