Eine von vielen Charaktereigenschaften. Eine der seltsamsten.

Interessanterweise habe ich das erst vor Kurzem herausgefunden: ich vermisse nicht; oder zumindest kaum. Lange Zeit habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht. Als ich von Nidwalden nach Luzern umgezogen bin, habe ich erwartet, die Seesicht zu vermissen. Ich tat es nicht und schob es auf die Tatsache, dass der See ja noch in der Nähe war. Beim Umzug nach Olten konnte ich diese Ausrede dann aber nicht mehr bringen; dass der See mir wieder nicht fehlte, weil er mir von vornherein wohl gar nicht so viel bedeutet hat.

Dann kam ich zuerst von Paris und dann aus Paris zurück. Miri fragte mich, ob ich denn meine Kätzchen vermisst hätte. Ich überlegte und merkte: Nein. Als nächstes fragte sie dann die selbe Frage nach meinem Mann. Schockiert stellte ich zum ersten Mal bewusst fest, dass ich selbst ihn nicht vermisst habe und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Ich vermisse nicht.

Weder mein Zuhause, noch meine Freunde, meine Tiere oder meine Liebe. Was ich habe, ist eine Art Vorvermissen und riesige Verlustangst. Ich stelle mir vor, Dinge zu vermissen, bin aufrichtig traurig bei Abschieden. Aber wenn es (oder ich) dann weg ist, ist es auch irgendwie aus dem Sinn.

Das ist selbst bei endgültigen Dingen so: Vor einigen Monaten habe ich meine langjährige Freundin Marija an Streits, Egoismus und verbohrte, gegenseitige Uneinsichtigkeit verloren. Ich werde zwar nicht gerne an unsere gemeinsamen Ferien erinnert und manchmal habe ich Gedanken wie «Schade, dass sie’d kaputtgemacht hat, sonst hätten wir jetzt bestimmt XY gemacht». Aber vermissen tue ich sie nicht. Ich habe die Freundschaft zu retten versucht, weil ich mich so vor dem Verlust gefürchtet hatte. Aber da ist nichts.

Inzwischen rede ich mir ein, dass es wohl dran liegt, dass ich einfach immer Versuche das Beste aus in jeder Situation zu sehen. Ich bin zwar nicht mit wenig zufrieden, aber ich bin mich wenig gewohnt. Etwas unheimlich ist das schon.

Womöglich vermisse ich ja aber auch und weiss gar nicht wie sich das anfühlt.

Oder ich vermisse erst, wenn etwas wirklich unerreichbar ist und bei mir bedeutet eine Push-Nachricht bereits «erreichbar».

Oder ich bin doch ein Soziopath. Ein eiskalter, gefühlloser Psychopath. Einfach ein Pathe. Der Pfathe.

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2 Kommentare

  1. Huhu Rönzuli

    Ich könnte mir vorstellen, dass du z.B. deinen Mann in den Ferien, nicht vermisst, weil du weisst, dass du ihn bald wieder hast. Weil es absehbar ist.

    Anders bei Dingen, welche wirklich zu Ende sind. Stellen wir uns mal vor, ein Mensch ist wirklich endgültig nicht mehr da… ich glaube so jemanden würdest auch du vermissen. Dies ist nur eine Annahme von mir 🙂

    Auch eine Annahme von mir ist, dass du Marija evtl. nicht „vermisst“ weil dir diese Freundschaft vielleicht nicht mehr gut tut, und es dir deshalb ohne sie, besser geht?

    Interessante Thematik, immer wieder 🙂

    Grüessli
    Miri

    1. Das mit der Absehbarkeit habe ich mir auch überlegt. Aber es gibt ja auch tatsächlich Dinge, die Weg sind und nicht wieder kommen. Keine Lebewesen bisher … zum Glück (3x ufs Holz klopft!). Aber ich werde mich melden, wenn ich weiss mal was vermisse 😀

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