2. Dezember 2016 um 12:00 Uhr

«Sophies Winterresidenz» – Kurzgeschichte

Freitag ist Schreibetag und heute gibt’s mal wieder eine Kurzgeschichte!sophieswinterresidenz

Sophies Winterresidenz

Es war der einundreissigste Dezember und Sophies einundreissigster Geburtstag lag schon einige Wochen zurück. Sie hatte ihn nicht gefeiert, denn sie feierte ihn eigentlich nie. Normalerweise war sie an jenem Tag entweder mit dem Umzug in ihre Winterresidenz beschäftigt oder gerade eben erst eingetroffen. Wie es auch war, Zeit um an ihren unwichtigen Geburtstag zu denken, hätte sie sowieso nie.

Der Winter war in jenem Jahr bisher unglaublich mild gewesen. Sophie konnte noch spät Abends auf der Bank im Park sitzen ohne zu frieren. So hatte es sich für sie bisher gar nicht erst gelohnt, sich auf zu machen. Doch als nun am Dreissigsten die erste richtig kalte Nacht über New York zog und am Silvestermorgen vereinzelt weisse Schneeflocken auf das ganzjährig wundersam grüne Gras fiel, entschied Sophie, sich nun doch endlich auf den Weg zu machen.

Wie seit mehr als einer Dekade begann auch in jenem Jahr die Reise in ihrem Lieblingsrestaurant zwei Blocks vom Central Park entfernt. Ein ziemlich edles Restaurant aber mit überraschend fairen Preisen. Sophie kannte den Concierge und bezahlte für ihr alljährliches Abschiedsessen aber sowieso nie. Sophie hatte ihre eigene kleine Tradition entwickelt.

Am Reisetag kramte sie ihren allerliebsten Mantel hervor, ein Erbstück ihrer Mutter. Wunderschön, edel und dennoch überraschend pflegeleicht. Ihre Mutter hatte den Mantel unzerstörbar genannt und jedes Mal wenn Sophie ihn sah, wurde sie noch überzeugter, dass ihre Mutter damit recht gehabt hatte. Über die Jahre waren ihr viele Dinge kaputt und verloren gegangen. Manchmal konnte sie das einfach nicht verhindern, manchmal hatte sie aber auch einfach zu wenig darauf geachtet. Beim Mantel würde ihr das nie passieren, dessen war sie sich immer sicher. Auf dem Weg zum Restaurant ging sie immer noch einmal quer durch den Central Park. Sie liebte diesen Ort und all das Leben, die Leute in ihm. Sie spürte an jenen Tagen, wie die Menschen sie anschauten. Sie musterten sie richtig, einige schienen sogar eifersüchtig aber das kümmerte Sophie nicht. Sie wusste, sie war niemandem was schuldig; wusste, dass sie immer gab, wenn sie konnte; wusste, dass sie zufrieden und stolz auf sich sein konnte.

An jenem verhängnisvollen Jahr, lief es aber gar nicht so, wie es die Tradition befahl. Schon am Morgen hätte sie merken sollen, dass an jenem Tag was faul war: Sie konnte keine gute Strumpfhose finden. Die eine konnte man gar nicht mehr brauchen, die war total durch. Die andere hatte eine riesige Laufmasche innen am linken Bein und auf der dritten klaffte ein schwarzer Fleck, den Sophie einfach nicht zu reinigen schaffte. Zeit eine neue zu besorgen hatte sie nicht, wenn sie wirklich noch an jenem Tag in ihrer Residenz würde ankommen wollen. So entschied sie sich für die Laufmaschine.

«Schliesslich sieht das sowieso keiner innen am Bein.»

Sie ging also wie immer durch den Park und genoss die Blicke der Fremden. Doch etwas war anders. Sie sah in den Menschen keinen Respekt, sondern etwas anderes. Aber sie verstand es nicht. Sophie ging schneller, der Park fühlte sich unfreundlich, geradezu feindselig an. Sie hätte dies vielleicht als Zeichen verstehen sollen; hätte sich vielleicht noch einen Tag gedulden sollen. Aber Sophie wollte weg. Jetzt noch mehr als zuvor.

Sie kam schliesslich an der Ecke zum Restaurant an und wollte gerade eintreten, als sie ihr eigenes Spiegelbild in einem dunklen Fenster sah. Da wurde ihr klar, warum die Menschen sie so anstarrten. Sophie sah schrecklich aus. Ihre Haare waren total zerzaust! Schnell versuchte sie sie mit ihren Händen zu kämmen. Es gelang ihr aber nur bedingt, diese Mähne zu bändigen.

«So ist’s gut genug, die kennen mich ja dort»

Und so trat sie ein. Sah aber kein bekanntes Gesicht. Insbesondere der Concierge war kein freundlicher älterer Herr mehr, sondern ein junger, bissiger Schnösel. Sophie hatte noch kein Wort gesagt als dieser halbstarke schon auf sie zuschritt.

«Es tut mir leid», sagte er dem Ambiente angemessen freundlich, «aber wir können Sie hier heute nicht bedienen.»

Seine Augen zeigten aber, dass er Sophie nicht im geringsten freundlich gesinnt war. Er stand ihr mitten in den Weg und bat sie darum, zu gehen. Sophie verstand die Welt nicht mehr. Sie fragte nach dem früheren Concierge, fragte ob es an ihrer kaputten Strumpfhose lag und versuchte sich zu erklären. Der Mann ging nicht darauf ein. Die Gäste schauten schockiert zu wie wie er Sophie aus den Restaurant drängte. Niemand unternahm etwas. Typisch.

Nun stand Sophie wieder draussen. Was sollte sie jetzt tun? Sie war so wütend! Ohne zu überlegen griff sie blind nach einem Stein und warf eines der Restaurantfenster ein. Sie versteckte sich und wartete, bis die Polizei kam. Dann trat sie stolz hervor und rief «Ich war’s!». Der Polizist kam auf sie zu, musterte sie und wollte gerade etwas sagen, als eine vermummte Person Sophie anrempelte, den Gehsteig entlang rannte und in einen sofort danach losfahrenden Bus einstieg. Der Polizist drehte sich nach der Person um und rannte ebenfalls los. «Verdächtige Person versucht mit Bus zu fliehen», hörte Sophie ihn noch ins Funkgerät sagen, bevor er schon wieder im Polizeiwagen sass und losfuhr.

Entmutigt und traurig ging sie ziellos durch die Strassen. Sie hatte keinen Plan B in petto und hoffte auf irgendein Zeichen. In einem kleinen Restaurant sah sie dann einen Mann mit einem schicken Regenschirm. Unglaublich plump und auffällig stolperte sie in das Kaffee, griff nach dem Schirm und rannte heraus. Der Mann folgte ihr, rief nach ihr. Sophie schaute sich um und sah ganz nah eine Polizeipatrouille.

«Dieser Schirm», sagt sie laut und ausser Atem, «Ich habe ihn …» Doch der Mann aus dem Kaffee hatte sie bereits eingeholt und fiel ihr ins Wort. «Es tut mir leid», sagte er reumütig, «Ich habe diesen Schirm heute Morgen in einem Laden mitgehen lassen, als mich der Schneefall überraschte. Er gehört offenbar dieser Dame und ich möchte ihr nicht noch mehr wegnehmen.» Sophie lief es eiskalt den Rücken runter. Was sollte das? Warum hatte sich das ganze Universum gegen sie verschworen? Die Polizistin sagte nicht mal was, sie nickte den beiden nur zu und ging weiter. Der Mann entschuldigte sich noch einmal, kramte nach seiner Brieftasche. Doch Sophie liess ihn links liegen. Sie hatte aufgegeben.

Auf dem Weg zurück wurde es gerade Mitternacht, als sie den Eingang zum Central Park erreichte. Überall schoss Feuerwerk in die Höhe. Es war wunderschön und Sophie besann sich der Neujahrstraditionen der anderen. Gute Vorsätze. Eine Familie gründen, einen neuen Job finden. Sowas halt. Sophie wollte auch neu starten, sie erkannte, dass nicht der Schirm das Zeichen war, um welches sie gebeten hatte.

Sie setzte sich auf ihre Bank, welche schon den ganzen Sommer über ihr Zuhause gewesen war und plante, wie sie im neuen Jahr ihr Leben wieder in den Griff kriegen würde. Gegen ein Uhr schlief sie schliesslich ein. Um drei Uhr fielen die ersten grossen Schneeflocken vom Himmel, sodass um sieben Uhr zum Sonnenaufgang der ganze Park inklusive Sophie herrlich weiss glänzten.

Sie hatte ihre übliche Winterresidenz, das Gefängnis, nicht erreicht. Das Gras unter dem Schnee war aber noch immer gleich grün und gleich lebendig wie an Tag zuvor. Sophie war es nicht. Sophies Residenz an jenem Morgen, war ihr Grab.

ENDE.

Leider habe ich diese Geschichte nicht wirklich selber erfunden. Sie basiert auf O. Henrys Kurzgeschichte «The Cop and the Anthem». Wir haben eine Kurzversion dieser Geschichte im Japanischunterricht gelesen. Sie war eher lustig und es war von Anfang an klar, dass «Soapy» eine obdachlose Person ist. Die Pointe der Originalgeschichte war, dass «Soapy» am Ende doch ins Gefängnis kam und zwar, weil er herumgelungert hat.

Ich dachte mir, es wäre lustig mir die Macht der geschriebenen Worte zunutze zu machen und eine Geschichte zu schreiben, in welcher am Anfang nicht wirklich klar ist, dass der Protagonist ein Obdachloser ist. Ebenfalls wollte ich das Ende etwas dramatisieren. Und weil Soapy kaum ein Name ist, den reiche Leute tragen, habe ich aus ihm kurzerhand eine Frau namens Sophie gemacht.

Jetzt heisst es nur noch Daumen drücken, dass O. Henry (oder seine Nachfahren) nicht aus dem Grabe kriechen um mich zu verklagen haha 🙂

Hoffentlich fandet ihr die Geschichte gut. Wie es auch ist, ich wünsche euch ein wunderbares Wochenende.

Pfoffie

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