18. November 2016 um 12:00 Uhr

Der Imperativ des Unvermeidlichen

Wie der Determinismus unseren freien Willen diktiert und mein Schreiben beeinflusst.esmusssein

Gewisse Dinge müssen einfach passieren. Gerade in der Belletristik. Und sei es nur der Spannung wegen oder um die Geschichte kürzer, beziehungsweise länger zu machen. Immer wieder müssen Dinge auch passieren, damit eine Geschichte gut ist/wird/bleibt. Man merkt es schlechten Geschichten schnell an, wenn sie etwas verlangen, das der Autor nicht möchte und deshalb auch nicht getan hat.

Zum Beispiel Charaktere am Leben zu erhalten, die schon lange verschwunden sein sollten. Der Erschaffer der Geschichte dreht und wendet alles so, damit der Charakter immer überlebt. Und als Leser lässt man das vielleicht ein oder auch zwei Mal durchgehen. Aber ziemlich schnell merkt man, dass hier einfach etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Wie bei dem Buch H. G. Wells‘ die Zeitmaschine oder Stephen Kings der Anschlag: Die Vergangenheit möchte nicht verändert werden und legt alles darauf an, dass sich das Schicksal aller dennoch gleich erfüllt.

Das ist etwas, was mich beim Schreiben sehr fasziniert. Für mich fühlt es sich oft so an, als würde ich gar keine Geschichten erfinden, sondern sie eher einfach entdecken. Wahrscheinlich bedeutet das, dass ich ein schlechter Autor bin. Wahrscheinlich schreibt ein guter Autor eine unglaubliche Geschichte, die retrospektiv dann so aussieht, als hätte es gar nicht anders sein können.

Hm.

Gleichzeitig wirft das natürlich auch Fragen über unseren freien Willen auf. Ich persönlich finde Menschen unglaublich kompliziert und komme kaum mit sozialen Interaktion zurecht, weil sie mir oft grundsätzlich irrational erscheinen. Dennoch gehe ich davon aus, dass alle für ihr Verhalten verstehbare Gründe haben. Auch wenn es dem Gegenüber und manchmal auch einem selbst unklar ist: Wenn man es genau genug analysiert, ist jedes Verhalten erklärbar. Alles ist eine Reaktion. Was auch immer ich jetzt tue, was auch immer ich sage: Es ist eine Reaktion auf Dinge, die zuvor passiert sind. Diese Erkenntnis stellt den ganzen freien Willen in Frage.

Retrospektiv sehen auch die meisten Realwelt-Geschichten so aus, als hätten Sie gar nie anders verlaufen können. Stets konfrontiert mit dieser Unfähigkeit, die Dinge zu steuern, sollten wir da nicht Geschichten gut finden, die diesen Fakt durchbrechen? Geschichten, die genau diese deterministischen Realweltregeln durchbrechen? Warum fühlt es sich falsch und nicht erfrischend an, wenn ein Charakter in einer Story sich nicht seinem Charakter entsprechend verhält?

Ich habe eine – wohl etwas weit hergeholte – Theorie: Wir ignorieren das Fehlen des freien Willens und wollen auch nicht daran erinnert werden. Belletristik erkundet unbekannte Welten jeglicher Art und experimentiert mit unbeantworteten oder neuen Fragen. Seien diese nun sozialer, wissenschaftlicher, krimineller, übersinnlicher oder anderer Art. So können wir Hexen, Aliens und ausgeklügelte Serienmörder noch immer glaubhaft finden, ausser sie verhalten sich falsch. Und wenn sie es tun, finden wir es lieber blöd als dass wir uns Gedanken über unsere eigenen, unüberwindbaren Grenzen machen.

Ich glaube nicht an den freien Willen. Das kann man wahrscheinlich unschwer erkennen. Aber ich möchte eigentlich lieber nicht darüber nachdenken, weil es mir Angst macht. Somit unterstützt zumindest mein eigenes Verhalten meine vorhergehende Aussage. Alles andere wäre auch … total aus meiner Rolle gefallen.

But hey, that’s just a theory. A LIFE THEORY!

Cheers und auf dass euer Wochenende unvermeidbar toll sein wird!

Pfoffie

Kommentar verfassen