25. Mai 2016 um 12:00 Uhr, 2 Kommentare

Alle Blicke sind nach vorn gerichtet – Teil O

Eine mehrteilige Kurzgeschichte über Mord, Totschlag und wahre Begebenheiten.blickenachvorn

Teil O

So mag ich das Busfahren. Es ist später Abend; kaum jemand fährt jetzt noch irgendwohin. Das bedeutet, dass der Bus schnell vorankommt und es viele leere Plätze hat. So kann ich meinen Favoriten wählen: die zweithinterste Sitzgruppe. Zwei Plätze gleich vor einem vierer Abteil; garantierte Einsamkeit. Niemand setzt sich in einem so leeren Verkehrsmittel auf einen halb besetzten Zweierplatz.

Die Busfahrt dauert noch etwa eine halbe Stunde. Vor mit liegen nur noch vier Haltestellen. Die nächste, die übernächste, der Bahnhof und dann Nicole. Ich bin jetzt schon einige Monate mit Nadine zusammen, dennoch kenne ich den Namen ihrer Haltestelle noch nicht. Und das, obwohl es die Endstation ist; vielleicht gerade deswegen. Wirklich nervig können nur noch die nächste und übernächste Station werden. Da könnten nervige Personen einsteigen. Zu Nathalie fahren vom Bahnhof her selten viele weiter, einsteigen tut am Bahnhof so gut wie nie jemand; der Bus wird dort glücklicherweise allenfalls leerer.

Und da sind wir schon, die nächste Station. Und da steht natürlich auch jemand um einzusteigen. Zwei Frauen, die sich nicht kennen aber gemeinsam weiter vorne einsteigen und ein junger Mann mit blonden Haaren. Lang und gelockt. Er kommt wohl vom Sport. Seine Sporttasche fällt mir als erstes auf. Somit sind wir nun fünf Personen in diesem Bus. Der Fahrer, die zwei Frauen vorn, ich und der Blonde. Sein Blick trifft meinen. Mit diesen Augen stimmt etwas nicht. Er sieht wütend aus und seine Wut scheint gegen mich gerichtet. Ich habe den Kerl aber noch nie gesehen. Er scheint mich trotzdem zu hassen und setzt sich auf einen der vier Plätze hinter mir.

Womöglich sitze ich auf seinem Lieblingslatz. Dann könnte ich seine Wut verstehen. Wahrscheinlich war das alles aber gar nicht an mich gerichtet. Ich weiss ja selbst wie das ist, wenn man wütend ist. Man strahlt das einfach aus und wer’s trifft ist eben Kollateralschaden. Deshalb nehme ich es ihm sowieso nicht übel.

Wir erreichen schliesslich die übernächste Station. Von hier aus geht es danach 15 Minuten ohne Halt bis zum Bahnhof. Dieses Wunder wird Ihnen präsentiert vom abgeschiedenen Kaff auf dem Lande. So schlimm ist das aber nicht. Irgendwie gefällt es mir sogar, durch die Dunkelheit der unbeleuchteten Landstrasse zu rasen. Bei der Haltestelle müssen natürlich wieder neue Leute einsteigen. Wehe irgendwer sitzt neben mich; wehe jemand kennt mich. Ich möchte jetzt Musik hören, nicht über Nonsens Smalltalk führen.

Zum Glück steigen nur drei Personen ein. Ein älterer Mann, der sich neben eine der Frauen setzt. Offenbar möchte er nicht rückwärts fahren; vielleicht hat sein Verhalten aber auch einen anderen, niedereren Grund. Die zweite Person ist ein schwarzer Junge, der nur mit seinem Handy beschäftigt und die dritte Person könnte eine Frau mit kurzen Haaren sein. Ich bin mir aber nicht sicher; habe mich nicht geachtet und sehe nun nur noch den Hinterkopf. Uns allen in diesem Bus ist eines gemeinsam, wir schauen mach Vorne.

Schon einen Moment später wünsche ich mir es wäre nich so. Das plötzliche Zerren an meinem Hals überrascht mich. Ich möchte reflexhaft Luft einsaugen, doch nichts passiert. Zuerst verstehe ich gar nicht, was passiert. Habe ich einen Asthma-Anfall? Ich kenne die Symptome nicht. Einen Schlaganfall? Einen Herzinfarkt? Ich kenne die Symptome nicht! Ich werde panisch, versuche mich zu bewegen, werde aber zurückgerissen. Da verstehe ich es. Der wütende Typ stranguliert mich von hinten. Es gibt keine andere Möglichkeit. Irgendwas dünnes schneidet immer tiefer in meinen Hals genau unter dem Kehlkof und ich weiss, dass ich jetzt etwas unternehmen muss, wenn ich nicht sterben will. Ich möchte mich wehren, zappeln, schreien. Irgendwie bewege ich mich auch; irgendwie mache ich bestimmt auch lärm. Aber im weissen Rauschen des Busmotorlärms hört mich keiner. Mir am nächsten wäre noch der Junge, der ist aber mit seinen Ohren und seinem Blick in einer ganz anderen Welt. Meine Stimmbänder kriegen keinen Ton heraus und langsam geht mir die Energie aus. Die Puste, wortwörtlich. Meine Panik weicht sanfter Hoffnung, es würde bald vorbei sein. Doch das ist es nicht. Es ist überraschend, wie lange man bei sowas bei Bewusstsein bleibt bleibt. Ich bewege mich kaum noch, sehe kaum noch was und beginne wegzudriften. Am Rande der Bewusstlosigkeit flackert eine letzte Hoffnung auf. Wenn ich mich nicht mehr bewege, wird er von mir ablassen obwohl ich noch nicht tot bin. Mir wird total warm um’s Herz und ich weiss, es ist aus.

Ende

Und Morgen gibt’s mehr davon. Jede Geschichte hat mehrere Blickwinkel. Diese hat drei. Am Montag erst, werde ich auflösen, was es mit den wahren Begebenheiten auf sich hat.

Cheers
Pfoffie

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