14. Januar 2016 um 12:00 Uhr

Wer hat Teresa Halbach getötet? #StevenAvery? Ein @MakingAMurderer Review

Selten hat mich etwas so bewegt wie diese Dokumentation. Ich muss darüber reden.

makingamurderer

Vorab: Die Doku ist wirklich gut und ich empfehle sie allen. Da ich Spoiler wohl leider nicht verhindern kann, dachte ich, ich muss das gleich zu Beginn klarstellen.

Im Dezember hat Netflix die zehnteilige Dokuserie «Making a Murderer» veröffentlicht. Ich habe zufällig auf Twitter einen Trailer dazu gesehen und war total fasziniert. Das ist seltsam, da mich so Realwelt Morddokumentationen eigentlich nicht sehr interessieren.

Aber eigentlich ist es gar keine Morddokumentation. Es ist eine Dokumentation über einen unschuldig Verurteilten und ein beängstigend marodes Justizsystem. Steven Avery wurde in den Achtzigern für eine Vergewaltigung verurteilt und eingesperrt. Es war nicht das erste Mal, dass er Straffällig wurde und er gehörte sowieso zu einer einschlägig bekannten Familie der Stadt. Er beteuerte immerzu seine Unschuld. Niemand glaubte ihm.

18 Jahre später, in den frühen 2000ern, wurde jedoch ein DNS-Beweis gefunden, welcher ihn zweifelsfrei entlastet. Dadurch wurde eine riesige Farce an polizeilichem Missverhalten aufgedeckt. Spuren war nicht nachgegangen und direkte Hinweise auf den wahren Täter einfach ignoriert worden. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber was da abging ist echt beängstigend. Natürlich verklagte Steven Avery den Staat und ihm standen schliesslich mehrere Millionen Dollar in Aussicht. Alles sah soweit gut besser aus. Dann starb Teresa Halbach.

Sofort stand Steven Avery wieder unter Verdacht. Ja, man hat Spuren auf seinem Anwesen gefunden. Die ganze Sache fühlte sich aber wiederum sehr schräg an. Zumindest lässt diese Dokumentation einen dies glauben. Polizisten scheinen Schlüssel positioniert oder Geständnisse erzwungen zu haben. Offenbar wurde niemals eine weitere Person als Steven Avery verdächtigt. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs.

Oft machte mich wütend, was ich sah. Noch öfter jedoch, musste ich mich richtig anstrengen, nicht einfach loszuheulen. Was da abging scheint einfach nicht fair gewesen zu sein – selbst wenn er wirklich der Mörder war. Die letzte Hälfte der letzten Episode heulte ich eigentlich ununterbrochen. Das war etwas befremdlich – schliesslich ist es nicht mein Schicksal. Doch ich kann das so gut nachvollziehen. Ich weiss, wie es ist zu «der Familie» zu gehören, ein Aussenseiter zu sein. Genauso weiss ich auch, wie es ist, verhört aber nicht angehört zu werden (Nein, dieser Link führt nicht zur Anklagegeschichte).

Die Dokumentation ist sehr einseitig und legt alles daran, Steven Avery in ein gutes Licht zu setzen. Natürlich habe ich dennoch Zweifel an seiner Unschuld. Aber ich habe auch berechtigte Zweifel an seiner Schuld und mein anerzogener Reflex wäre «in dubio pro reo». Die Jurys dachten sich aber wohl eher «Im Zweifel zur Sicherheit mal wegsperren». Das hat ja in den Achtzigern auch schon gut funktioniert: Der wahre Täter hatte noch Jahre lang weitere Frauen vergewaltigt. Einer von Stevens Anwälte sagte später, dass er inzwischen sogar hoffe, dass Steven schuldig sei. Selbst wenn er jetzt wieder frei käme, ihm ist so viel Zeit gestohlen worden und das schlechte Image wird er nie wieder verlieren. Wenn er wirklich unschuldig ist, ist das etwas vom schrecklichsten, was ich mir vorstellen kann. Und es kann jedem passieren.

Am Schlimmsten ist der Schluss. Ich möchte Gewissheit haben. Aber so funktioniert das echte Leben nicht.

Pfoffie

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