3. Juli 2015 um 12:00 Uhr

«Biene» – Teil 5 einer Kurzgeschichte

Nun, es ist mal wieder da. Das grosse Finale! Die Geschichte dieser Woche heisst «Biene» und hatte bisher wirklich gute Leserzahlen! Vielen Dank! Dieses letzte Kapitel trägt den bedeutungsschweren Namen «Die letzte Stunde». Was das für unsere Geschichte bedeutet? Ganz einfach weiterlesen und es herausfinden:
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Biene – Teil 5: die letzte Stunde

Und schliesslich ist das Zwielicht der Nacht gewichen. Der Wind, den ich vorher kaum gespürt hatte, wurde immer stärker. Inzwischen weht er unablässig Laub und andere kaum definierbare Gegenstände über mich hinweg. Werde ich am Ende noch lebendig begraben? Ich spüre, wie an mir irgendwelche Kleinsttiere hochzuklettern beginnen. Mit dem letzten Licht sind wohl auch die letzten herzigen Tiere aus dem Wald verschwunden. Ja, selbst der Wolf war herzig im Vergleich zu dem, was ich mir gerade vorstelle. Asseln, Schaben, Ameisen, Motten und was es sonst noch gibt. Spinnen. Wie konnte ich nicht gleich an Spinnen denken? Sie sind die schlimmsten von allen. Es kratzt, es beisst, aber ich kann mich nicht wehren. Ich liege einfach da und starre die langsam sichtbar werdenden Sterne an. Erst jetzt kommt mir zum ersten Mal der Gedanke, dass ich vielleicht schon lange tot bin. Vielleicht ist genau dies das Fegefeuer. Man ist noch da und muss warten, einfach warten. Bis wann? Bis man gar nicht mehr existiert? Aber ab wann existiert man denn überhaupt nicht mehr? Wenn es nur um die Materie geht, existiert man doch immer irgendwie. Dieser Gedanke beruhigt mich interessanterweise. Der Wind wird plötzlich eisig. Es ist Spätsommer und wir sind uns das eigentlich schon gewöhnt. Dennoch überrascht es mich. Ich ging ganz offensichtlich viel zu blind und selbstzentriert durch das Leben. Warum hat man solche Erkenntnisse erst, wenn es schon zu spät ist? Die Kälte macht mich müde. Sollte ich noch Leben, muss ich aber wach bleiben. Von jedem Film, jeder Geschichte, jeder Dokumentation weiss ich, dass einschlafen den endgültigen Tod bedeutet. Ich strenge mich an, doch es wird immer schwerer meine Augen offen zu halten. Vielleicht sollte ich einfach aufgeben. Mein Bein vibriert wieder, es interessiert mich aber nicht mehr. Womöglich habe ich mich schon damit abgefunden. Ich schaue ein letztes Mal die blassen Sterne an, bevor ich meine Augen schliesslich doch nicht mehr offen halten kann. Sie fallen zu, als ob sie aus Blei wären. Das Letzte was ich sehe ist ein grelles, rotes Licht. Ich hatte einen Tunnel erwartet.

Und da ist plötzlich meine Frau, sie weint. Die Tränen fliessen über ihre Wangen wie ein Fluss. Und aus ihrem Mund fliessen die Worte ebenso. Ich bin kaum wach und verstehe auch eigentlich nichts von dem, was sie sagt. Aber zwei Worte dringen nicht nur in meine Ohren ein, sie erreichen auch das Zentrum meines Gehirns und erklären alles. Zwei Worte, an welche ich nie gedacht hätte und ich mich jetzt frage, warum nicht. Es war so klar, so eindeutig, so einfach. «Hummel» sagte sie noch schluchzend, «Standortfreigabe» schon laut lachend.

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