2. Juli 2015 um 12:00 Uhr, 5 Kommentare

«Biene» – Teil 4 einer Kurzgeschichte

Die Geschichte des mithilfe einer «Biene» verunfallten Fahrradfahrers geht in die vorletzte Runde. Welche Schrecklichkeit wird ihm Heute widerfahren? Oder ist die Hoffnung doch noch nicht ganz verloren? 
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Biene – Teil 4: die vierte Stunde

Ein Wolf starrt mich an. Weit weg, hinter vielen Bäumen. Ich wusste gar nicht, dass es solche Tiere bei uns wild gibt. Er kauert am Boden und schleicht sich ganz langsam in meine Richtung. Eigentlich glaube ich mich zu erinnern, dass Wölfe Menschen nicht einfach so angreifen. Aber in einem Buch habe ich von einem Jungen gelesen, wie er von einem Wolf angegriffen wurde. Gut, es war eine Novelle, Fiktion. Dennoch bin ich verunsichert. Er sieht jagend aus. Das Kribbeln ist wieder da. Ich erschrecke mich noch immer, obwohl ich nun weiss, was es ist. So interessant, wie viel stärker und intensiver solche Eindrücke plötzlich werden. Wie anders sie sich anfühlen, wenn man so alleine und verletzt in der stillen Dunkelheit liegt. Vielleicht fehlinterpretiere ich das Zucken aber auch nur. Womöglich versucht mein Körper erfolglos einfach das zu tun, was er in solchen Fällen immer tut: rangehen. Es wäre so einfach, in die Tasche greifen, das iPhone packen und meinen Standort ins Mikrophon keuchen. So einfach! Wenn ich mich bewegen könnte. Jetzt ist die Vibration wieder weg. Meine Frau, wenn es denn sie ist, hat es erneut aufgegeben. Was wird sie von mir denken? Ob sie in Sorge um mich ist? In grösster Sorge wahrscheinlich. Das Handy vibriert schon wieder, ich zucke schon wieder zusammen. Den Wolf interessiert es nicht. Er pirschte sich die ganze Zeit weiter an. Doch jetzt hält er Inne. Hat er etwas gespürt? Etwas gesehen? Er geht ein paar Schritte zurück und erst jetzt merke ich, was er wahrscheinlich gemerkt hat. Die Biene bewegt sich. Sie wackelt leicht, als ob sie versuchen würde aufzustehen. Nein, das muss ich mir einbilden. Das ist bestimmt die aufkommende Dunkelheit, die mir einen Streich spielt. Oder der aufkommende Tod. Aber nein, ich bin mir ganz sicher, dass sie aufzustehen versucht. Wo bleibt ihr Surren? Vielleicht musste sie nur trocknen. Aber nein. Nein, nein, nein! Es ist eine Biene, die mich gestochen hat, ich spüre das Kratzen in meinem Hals. Eine Biene die sticht, stirbt. Das lernt man in der Schule, ich weiss das. Sie kann nicht leben. Doch genau in dem Moment hebt sie ab, tief am Boden fliegt sie entlang, landet immer wieder auf dem Boden und bäumt sich wieder auf. Sie steuert direkt dem Wolf entgegen, doch es scheint ihn nicht mehr zu interessieren. Seine Augen sind nun wieder fix auf mich gerichtet. Doch er ist nicht mehr auf der Pirsch, er ist mitten im Angriff, rennt auf mich zu und ist schon viel näher, als ich erwartet hatte. Was wird er tun? Wird er mich zerfleischen? Warum anpirschen, wenn ich doch offensichtlich wehrlos bin? Er ist bei mir, direkt vor mir, in voller Geschwindigkeit. Er bremst nicht. Er springt. Über mich drüber. Womöglich hat er mich für einen Holzstamm gehalten. Seine Hinterbeine streifen meine rechte Seite und reissen sie mit sich. Meine rechte Schulter landet auf einem Stein. Ich spüre keinen Schmerz mehr. Der Stein verfehlt meinen Kopf zwar um Haaresbreite, hält ihn aber davon ab, nach rechts zu fallen. Ich spüre wie etwas warmes über mein Ohr fliesst. Ansonsten spüre ich gar nichts. Im Augenwinkel zerfleischt der Wolf etwas grosses, braunes. Ein Hirsch, nehme ich an. Höchstwahrscheinlich mein Hirsch. Er hat mich offensichtlich als Duftbarriere benutzt und das Reh hatte sich gar nicht über mein iPhone erschreckt. Ich sehe über mir den dunklen Himmel. Dunkelblau und wolkenlos. Und der letzte Sonnenstrahl, der noch quer durch die Äste fällt verkümmert und verschwindet schliesslich. Es dauerte wahrscheinlich eine Ewigkeit, aber es fühlte sich an wie Sekunden. Die Chance, dass ich gefunden werde schwindet mit dem Licht. Ebenso meine Hoffnung doch noch zu überleben.

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