11. Juni 2015 um 12:45 Uhr

«Der normalste Tod» – Teil 4 einer Kurzgeschichte

Wir sind heute schon beim vorletzten Kapitel dieser Geschichte, die ich euch Seit Montag erzähle! Schon Morgen wartet das grosse Serienfinale auf euch 🙂 Der vierte Teil meiner Geschichte «Der normalste Tod» wandert wieder näher an die Gegenwart und heisst «22. Oktober 2014». Viel Spass!

normtod4

22. Oktober 2014

Weitere drei Jahre später. Welche Katastrophe steht dieses Mal an? Und was für eine Bedeutung hat der Abstand nun? Was ist das Muster? 3-6-3 … 6? Warum denke ich überhaupt, dass der Tod einem Muster folgt?

Das nächste Jahr soll eigentlich ein tolles werden. Toller noch als 2014. Nach der letzten Vision hatte ich sofort meinen Job gekündigt. Ende April 2011 war dann meine Schwester in einer Tornadokatastrophe ums Leben gekommen. Sie hatte wohl an meiner Stelle den Twist gemacht. Ich wollte daraufhin nicht mehr in diesem Land leben und entschied mich schliesslich, nach Europa auszuwandern. In England habe ich dann mein erstes Buch geschrieben: «Mein Leben ohne Tod», das ihr bestimmt kennt, war ein Bestseller. Gerade wurde mein nächstes Buch «J-Net», ein CIA-Thriller, veröffentlicht. Hoffentlich ein weiterer Bestseller! Im Moment bin ich mit dem Buch auf einer Tour, die Anfang Januar mit einigen Interviews in Frankreich zu Ende gehen wird. Ich nahm das eigentlich zum Anlass, nach Frankreich umzuziehen. Habe sogar schon ein kleines Haus in der Nähe von Paris gekauft.

Heute Morgen hatte ich aber wieder einen seltsamen Traum. Ich dachte ich sei aufgewacht und hörte es an meiner Zimmertür klopfen. Wer könnte das sein? Noch immer halbverschlafen oder irgendeiner anderen abstrusen Traumlogik folgend, ging ich zur Tür und öffnete sie. Draussen stand der Tod. Diesmal wieder ganz langweilig: Schwarz gekleidet, klischeehaft und mit einem Maschinengewehr vor der Brust. Gut, vielleicht nicht ganz so klischeehaft. Meine Gedanken waren zwar augenblicklich ganz klar, wirklich überrascht war ich aber trotzdem nicht. «Sind Sensen nicht mehr en vogue?» fragte ich gelangweilt und drückte mich an ihm vorbei in die Küche. Keine Knochenhand an meinem Arm? Ich war positiv überrascht. In der Küche wartete der schwarze Geselle aber schon und frühstückte. «Zu Baguette und Croissant», sagte er freundlich wie ein Verkäufer, «gibt es nächstes Jahr gratis ein Maschinengewehr.» Ich verstand sofort und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie wütend ich da wurde. Ich hätte ein Haus gekauft, grrrte ich ihn an und würde auf keinen Fall meine Frankreichpläne für ein Hirngespinst aufgeben. Er stand auf und augenblicklich direkt vor mir. Ich konnte ihn riechen, den grässlichen Gestank nach Fäkalien und Tod. Er presste seinen schwarzknöchrigen Schädel gegen meine Stirn und flüsterte karg: «Ich bin der Tod, du musst mich fürchten!» Ich begann indes zu lachen. So etwas lahmes hatte ich ja noch nie gehört.

«Ich habe dich schon vor so vielem gerettet! Aber gut, wenn…» Ich unterbrach ihn augenblicklich. Er solle kein Wort mehr sagen, ich hätte genug gehört. Der Tod drehte sich weg. «Jackpot!», sagte er laut und hysterisch, «Jackpot, Charlie!». Ich wollte ihn eigentlich darauf hinweisen, dass er wohl eher «Checkpoint» meine und dass in Berlin sei. Aber dann rissen mich grässliche Schmerzen aus dem Schlaf. Sie zogen sich meinen ganzen Oberarm hinab. Ich musste wohl irgendwie komisch auf meinem Arm geschlafen haben. Wenige Minuten später riss mich dann etwas anderes ganz aus dem Bett: Durchfall. In der Zeit der letzten Vision war mir öfters Übel, im Moment habe ich Durchfall. Der Tod schlägt einem wohl auf den Magen.

Nun, ihr fragt euch wohl, was ich entschieden habe zu tun. Ehrlich gesagt: Noch nichts. Es ist ja noch eine Weile hin und irgendwie möchte ich das ganze einfach nicht glauben. Es sind nur Träume und wenn man all das ganz rational anschaut, war ich niemals wirklich in Gefahr: Mein Pentagon-Büro war im am wenigsten beschädigten Flügel, das Hotel auf Khao Lak war weiter im Landesinneren und die oberen Stockwerke weitestgehend vom Tsunami verschont worden und der Besuch bei meiner Schwester war erst Mitte Mai geplant. Bei solch vagen Angaben wie denen von meinem Tod findet man immer irgendwas, das unheimlich zu passen scheint. Auf der anderen Seite haben die Wirbelstürme meiner Schwester das Leben gekostet.

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