8. April 2015 um 12:10 Uhr

Hat man sich früher auch solche Gedanken gemacht?

Ich bin eine sehr nachdenkliche Person und versuche, viel zu reflektieren. Auch habe ich das Gefühl, mein komplettes Umfeld täte das. Bei vielen älteren Personen scheint es aber, als leben sie einfach vor sich in den Tag hinein. Ob das etwas ist, das mit der Zeit kommt? Ist unsere Generation tiefgründiger? Ist nur meine Umgebung so? … oder bilde ich mir das nur ein?

Gut, es ist gelogen zu sagen, mein komplettes Umfeld sei so. Ich kenne auch Personen ähnlichen Alters, die nur gedankenlos vor sich hin leben. Auf der anderen Seite kenne ich auch Menschen, die zur Gruppe «alte Menschen» gehören und trotzdem nicht so sind. Vielleicht sollte ich genauer ausarbeiten, was ich überhaupt damit meine. Und wahrscheinlich werde ich wohl einige Menschen vor den Kopf stossen. Aber wer weiss, ob die es überhaupt merken.

reflektion

Ich habe sehr oft sehr tiefgründige Gespräche mit gleichaltrigen Freunden. Wir machen uns Gedanken über Kinder, die Zukunft, das Alter. Wir machen uns Sorgen, ob wir später auch so werden, wie unsere Eltern oder ob wir es verhindern können. Wenn ich im Kontrast dazu Geschichten meiner Eltern aus deren Vergangenheit höre, klingt alles sehr nach «ich habe dies und das gemacht, weil man das halt damals gemacht hat.» Natürlich wird das (so gut wie) niemals genau so ausgesprochen. Aber es erscheint mir schon so, dass man für viele Aktionen in der Vergangenheit keine wirklichen Beweggründe angeben kann. Und meistens ist das nicht nur etwas mit Dingen aus der Vergangenheit. Sehr vieles, das diese Menschen tun, scheint mehr auf «ich mache das halt immer so» als auf wirklichen Argumenten aufzubauen. Wenn ich einer solchen Person etwas verbiete, reicht es, das einfach zu verbieten. Ich kann noch so lange ausholen und erklären warum ich es verbiete – das geht beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus. Es scheint sie gar nicht zu interessieren.

Die Frage ist nun, ob man einfach automatisch so wird. Werden meine Kinder (oder halt eben die Kinder meiner Bekannten) das später auch über mich denken. «Ach, der René hat halt einfach gebloggt, weil man das früher so gemacht hat.» Obwohl ich Heute sagen würde, das sei meine eigene Entscheidung gewesen, weil ich halt etwas zu sagen hatte. Vielleicht erscheinen die eigenen Aktionen aber auch mit den Jahren immer mehr so, als ob einfach alles vor sich hin geplätschert wäre. Womöglich erkennt man mit mehr Wissen auch immer mehr, wie sehr man Dinge «einfach so» und ohne wirklichen Grund gemacht hat. Die Gründe, die man sich jetzt einredet, sind am End vielleicht bloss eine Illusion. Oder man erzählt einfach nicht, was man sich gedacht hat, weil das niemanden interessiert.

Oder man vergisst seine Beweggründe einfach und erinnert sich nur noch an die Aktionen an sich. Geschichten alter Menschen hören sich auch oft so an, als wären diese Personen ganz alleine dabei gewesen. Deshalb fällt es mir auch schwer, mir vorzustellen, wie meine Eltern kurz vor 30 mit ihren Freunden über solch schwere Themen gesprochen haben. In meiner Vorstellung waren meine Eltern zuerst Kinder und dann hat es puff gemacht und sie waren meine Eltern. Es gibt keine Übergangsphase, es gibt keine sorgenerfüllten Gespräche mit Freunden. Es gibt generell keine Geschichten mit Freunden. Und wenn, dann nur «Partygeschichten». Werde ich, wenn ich alt bin, auch nur erzählen, wie ich Marija oder Dominic im Ausgang war? Oder werde ich davon erzählen, wie viele Gedanken wir uns gemacht haben.

Gestern habe ich ja von meiner Angst geschrieben, alles schneller zu vergessen, als mir lieb ist. Dazu hat Petra etwas sehr gescheites gesagt: Es gibt viele Reize (für das Gehirn). Und egal ob man damit das Handy, Freizeitaktivitäten oder die Arbeit meint. Alles ist viel kopflastiger Heute. Es gibt kaum einen Job mehr, den man «einfach so tun kann, ohne darüber nachzudenken». Zumindest in unseren Gefilden ist das so. Es war zwar ein Kommentar auf meinen gestrigen Post, aber irgendwie passt es auch zu diesem Thema. Man musste wohl früher generell ein bisschen weniger denken. Es wurde einem einfach mehr abgenommen/vorgeschrieben und die Gesetze waren viel in Stein gemeisselter. Heute akzeptiert keiner mehr etwas und selbst die «Dümmsten» verstehen Dinge, die vor wenigen Jahren noch gar niemand verstand. Natürlich werden auch wir nervig für unsere Nachkommen sein, aber ich möchte auf meine eigene Art nervig sein – nicht auf dieselbe wie unsere Eltern und Grosseltern das sind. Ich möchte als alter Greis über schwarze Löcher und Zeitreisen referieren während sich die Kleinen über Zukunftsthema A oder Zukunftsthema B unterhalten. Wahrscheinlich habe ich angst davor, dies zu wiederholen, was mich jetzt nervt und stört.

Gerade hatte ich mit Miri noch ein Gespräch hierüber. Sie meinte, der grosse Unterschied zwischen uns und solchen Menschen sei, dass wir immer im jetzt leben und immer schon wussten, dass nichts in Stein gemeisselt ist. Wahrscheinlich ist es genau das, was uns anders sein lässt. Freundlicherweise erinnerte sie mich auch daran, dass es viele «alte» Menschen gibt, die nicht so sind, wie ich das oben beschrieben habe. Juhu! Wahrscheinlich gibt es einfach mehr Rebellen als früher. Und wahrscheinlich haben sich schon unsere Eltern über deren Eltern gefragt – einfach auf eine andere Art. Das nennt man dann wohl Evolution.

Cheerio,
Pfoffie

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