6. März 2015 um 11:44 Uhr

Unzufriedenheit als Katalysator der Evolution

Ich bin generell nicht von dem Überzeugt, was ich tue. Wenn ich etwas schreibe, finde ich es auch nach dem erwähnten 35’892. Korrekturlauf noch nicht gut. Ich finde ich könne nicht singen, nicht malen, nicht flirten. Die Liste ist lang und ich dachte früher, ich sei einer von Wenigen die das haben. Dachte, das sei so ein Aussenseiter- und Loserding. Doch es scheint als ob ich mich getäuscht hätte. Und das brachte mich auf eine Idee.

Aber vorerst zurück zur Unzufriedenheit. Inzwischen hatte ich viele Gespräche mit vielen Menschen und die grosse Mehrheit scheint mit ähnlichen Gedanken zu kämpfen. Vom eigenen Produkt kennt man immer alle Schwächen und man kann Dinge noch so gut polieren, für gewisse Korrekturen fehlt einem immer das Können. Man will einhundert Prozent erreichen, schafft aber vielleicht nur 90 und ist dann total betrübt. Wenn Menschen etwas loben, das ich tue, habe ich ja den Drang, sie auf die Fehler hinzuweisen. Das hat mir gezeigt, dass die meisten Menschen die meisten Fehler gar nicht sehen würden. Oder sie würden es für einen Teil des Produktes halten. Ein Feature, sozusagen. (Gut, nicht bei meinem Geschreibse. Da sind die Fehler überaufdringlich)

Es ist wohl wie mit einer Japanischen Ausbildung oder mit der Lichtgeschwindigkeit. Man kann mit Anstrengung wirklich weit kommen, aber das Ziel erreichen wird man nie. Es ist unmöglich. Perfekt wird es nie. Dennoch können sich so viele nicht damit abfinden und versuchen es weiter. Sie versuchen, das Beste zu erreichen und sind niemals zufrieden. Während sie das tun, werden sie immer besser und besser und besser. Und hier kann ich nun meine Theorie vortragen:

Wenn man von der menschlichen Evolution spricht, zählt man ja eigentlich mehr oder weniger einfach unsere Errungenschaften auf: Aufrecht gehen, Jagen, Feuer machen, Werkzeug, das Rad, der Motor, der Computer. Ich kann mich an eine Geschichtskunde-Stunde erinnern, in welcher der Lehrer vor allem «und dann haben wir […] erfunden» gesagt hat. Damals hielt ich das für ein bisschen zu kompliziert und wirr. Ich fragte mich, ob man das bei anderen Tierarten auch so machte. Der selbe Lehrer meinte in einem anderen Fach, dass der Mensch das «höchste» Tier sei, weil er es dank dem freien Willen geschafft hat, sich über die normalen Grenzen der Natur hinauszusetzen. An dieser Aussage gefiel mir ja so einiges nicht, aber die Sache mit dem freien Willen beschäftigte mich eigentlich am meisten.

Ich kann nicht an den freien Willen glauben. Natürlich kann ich tun, was immer ich will. Aber was ich will ist bestimmt kein Zufall. Jede meiner Verhaltensweisen können erklärt werden. Ich werde wütend, wenn man mich wütend macht, ich freue mich, wenn man mir eine Freude bereitet. Da kann mir keiner sagen, dass diese Eigenschaft uns zu dem weltzerstörerischen Riesenmob gemacht hat, der wir heute sind. Die Unzufriedenheit wenn man etwas nicht schafft, könnte da eher eine Eigenschaft sein, die uns zum «Erfolg» verholfen hat.

Bei den meisten anderen Tieren ist das doch so: Wenn sie etwas tun und das klappt nicht, tun sie es nicht wieder. Niemand ist traurig, niemand ist enttäuscht. Nein, sie haben einfach daraus gelernt. Wenn ich etwas nicht schaffe, versuche ich es nochmal und dann nochmal und dann nochmal und dann vielleicht nochmal. Natürlich gibt auch ein Mensch irgendwann auf, aber diese Schwelle erreicht er viel später. Wir haben eher ein «das muss doch einfach irgendwie gehen»-Gefühl als gleich zu denken, das unser Vorhaben unmöglich ist. Ein Schimpanse wird nicht versuchen, fliegen zu wollen. Er merkt schon beim von Baum zu Baum Schwingen, dass das unmöglich ist. Wir haben eine solche Barriere nicht. Objektiv betrachtet sind wir wohl dumm und mit einem schrecklich fehlfunktionierenden Instinkt ausgestattet. Alle unsere Errungenschaften basieren auf dutzenden wenn nicht hunderten von Misserfolgen.

dummunderfolgreich

Unzufriedenheit ist ein doofes Gefühl. Man hat nicht erreicht was man wollte, man steckt irgendwo fest. Dinge einfach so anzunehmen, wie sie halt sind, erscheint mir viel angenehmer. Aber wenn alles gut ist, so wie es ist, warum sollte man dann noch etwas verändern. (Oh mein Gott, Leuchtenzyklus-Referenz-Alarm!) Somit ist Unzufriedenheit unangenehm aber wenigstens ein Ansporn, sich weiterzuentwickeln.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sind komplett und total und absolut zufrieden sind mit dem was sie tun. Die schaffen es oft auch, sich sehr gut zu präsentieren und erfolgreich mit ihrem Tun zu sein. Auch wenn ihr Tun unter’m Strich blosser Durchschnitt ist. Sie haben dem Homo Erectus nachgeeifert und können nun auch stehen und sie stehen so toll und zeigen allen, wie gut sie stehen können und dann sterben sie, während die anderen Menschen das Jagen gelernt haben.

Habt ein schönes Wochenende. Es soll ja sonnig werden. Ich möchte endlich wandern gehen.

Pfoffie

Kommentar verfassen