28. Februar 2014 um 22:09 Uhr

Fremdärgern für Vegis und Fremdschämen für den Blick

Vorneweg: Ich esse Fleisch und nerve mich manchmal auch über gewisses hochnäsiges Verhalten gewisser Vegis auf meinen sozialen Netzwerken. Da ich jedoch gerne Reflektiere, weiss ich, dass ich mich 1. nerve, weil ich beim Fleischessen immer irgendwo ein schlechtes Gewissen unterdrücke/ignoriere und dass es 2. bei solchen Dingen manchmal ein gewisses Mass an Aggression braucht. Das kennen wir ja bereits aus diversen Emanzipationszenarien.

Heute bin ich über einen Artikel auf blickamabend.ch über/gegen Vegis gestossen und mir blieb echt die Spucke weg. Er lockt mit dem Titel «16 gute Gründe, Veganer merkwürdig zu finden». Bereits mit der Befürchtung (aufgrund früherer bereits bescheidener Listenartikel), es könnte unglaublich banal sein, klickte ich. Irgendwie hatte ich gehofft, dass vielleicht etwas einigermassen lustiges dabei sein würde. Niemand kann mir vorwerfen, ich hätte Tiefgründigkeit erwartet. Alles was ich wollte, war schmunzeln über Veganer-Klischees. Genauso wie ich das bei allen Klischees mache, auch wenn sie mich betreffen (Homos, Nerds, Blogger, Twitterer, Hipsters … DIE Liste ist lang).

Was hier aber geliefert wurde, war das Letzte. Es war weder lustig, noch sinnvoll, noch wahr. Es hatte nicht mal wirklich etwas dabei, womit man Vegis bashen könnte, würde man das denn wollen haha. Lest am besten selbst: 16 gute Gründe, Veganer merkwürdig zu finden. Ich wurde richtige wütend ob dieser witzlosen Banalität. Wütend, obwohl es mich nicht mal betrifft und ich ja eigentlich im gleichen Team spiele wie Frau Martinez.

Nun, wenn ich mich ja eh schon für und mit den Vegis aufrege, kann ich auch gleich auf alle 16 Punkte eingehen und meine ganz eigene Meinung dazu kundtun:

1. Wie jede Gruppierung hat auch die vegane Community ihre Parade. Man stelle sich vor: 27 vegane Nasen mit Transparenten: «Vegan. Yes we can». Können schon.

Verstehe nicht ganz, inwiefern eine Veganerparade Veganer merkwürdig macht? Da fand ich persönlich die Occupy-Aktionen einiges merkwürdiger. Aber ernsthaft: Wir sollten davon ausgehen, dass die meisten Veganer vegan leben, weil sie ein Problem mit dem Ermorden und der oft schrecklichen Haltung der Tiere haben, die wir anderen verzehren. Veganer sind nicht blöd und wissen, dass es kaum ein Tier retten wird, wenn nur sie das tun und nichts davon erzählen. Kein Fleisch zu essen ist hier ein Statement und dieses Statement muss auch nach aussen getragen werden können und dürfen. Unter’m Strich wollen sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Welt verändern und ohne Demos geht das einfach nicht.

2. Wenn ein Veganer eine Reise tut, gehts mit den Extrawürsten los. Sorry, ich esse keine tierischen Produkte. Nein, Käse auch nicht. Keine Eier für mich, danke. Milch auch nicht, weil das kommt eben auch vom Tier. Ist Fischsauce im Vegi Fried Rice?

Ja, das nervt mich auch. Laktoseintolerante sind noch schlimmer. Die hasse ich auch. Meine Schwägerin ist allergisch auf Sellerie, das ist auch so unglaublich nervig. Mir doch egal, wenn ihr der Verzehr von Sellerie die Luftröhre zuschnürt, das wird gefälligst gegessen. Ich persönlich gehe ja nirgendwo mehr hin essen … ich mag Fenchel nicht und will niemandem zur Last fallen. (Hoffe ich muss nicht erwähnen, dass das nicht ernst gemeint war. Zur Sicherheit habe ich es nun gerade doch getan.)

3. Aber es ist nicht alles Verzicht, denn der Veganer weiss sich zu helfen. «Schnitzel, Steaks, Geschnetzeltes – all das ist in einer veganen Variante erhältlich» (Zitat: vegan.ch). Der Haken daran? Ein Steak ist erst dann ein Steak, wenn es auf der Wiese geweidet hat. Alles andere ist Soja-Humbug.

Wir erinnern uns zurück an #1: Die Veganer wollen nicht nur selbst kein Fleisch mehr essen, sie wollen auch uns andere dazu bringen, dass wir keines mehr essen. Einem Vegi reicht wahrscheinlich ein rechteckiger Tofublock. Ich esse ab und zu «Fleischersatzprodukte in bekannten, fleischartigen Formen». Nicht, weil ich unbedingt vegetarisch essen will, sondern weil ich die Produkte einfach mag. Nahrungsmittel sind Nahrungsmittel, das ist doch egal, wie die aussehen. Dass man aber etwas schnitzelartiges macht um das Produkt besser zu verkaufen liegt doch auf der Hand. Das hat am End‘ mehr mit Marketing als mit «Merkwürdigkeit» zu tun.

Siswis hat auf Facebook übrigens korrekt erwähnt, dass die meisten Kühe nie auf einer Wiese geweidet haben und somit die meisten Steaks aus Fleisch gemäss dieser Definition auch «Soja-Humbug» wären.

4. Thema Milch. Kein Problem für den eingefleischten Veganer. Alternativen gibt’s genug: Haferdrink, Mandeldrink, Reisdrink, Sojadrink, Dinkeldrink. Auf so viele Milchalternativen stossen wir an. White Russian, bitte!

Sojadrink mag ich nicht. Der schmeckt mir irgendwie zu wässrig. Reisdrink finde ich etwas vom allermegageilsten. Ich liebe Reis. Mandeldrink ist auch unglaublich lecker, machen wir sogar ab und zu selber. (Musste ich grad meinem Mann vorschlagen, es wieder mal zu tun). Ob es auch Rahmvarianten dieser Produkte gibt? Da läge ein White Russian ja wirklich drin!

Sorry, bei all der Euphorie für Milchalternativen habe ich ganz vergessen, inwiefern Punkt 4 etwas mit Veganern zu tun hat.

5. Schon mal veganes Fondue probiert? «Es schmeckt nicht wie Käse-Fondue. Ist aber auf seine Art sehr köstlich» (Zitat: vgt.ch). Bitte keine Details und ab ins Fonduestübli. Moitié-moitié. Extra Kirsch bitte!

OH MEIN GOTT ES GIBT EIN SCHMELZBARES KÄSEERSATZPRODUKT. Warum sagt mir das keiner? Ist mir total egal, ob das nach Käse oder was auch immer schmeckt, ich will jetzt Sachen überbacken!

6. Safer Sex! Veganer röllelen nur mit veganen Kondomen. No joke! Sie greifen auch hier in die Vegan-Trickkiste: «Glyde Kondome tragen die Veganblume, wurden nicht an Tieren getestet und enthalten kein Kasein» (Zitat: vegan.ch).

WTF Kondome werden an Tieren getestet? Das wusste ich nicht mal und lässt mich schockiert zurück. Worauf man bei #6 genau achten muss ist der kleine Einschub: «No joke!» offenbar ist sich die Autorin bewusst, wie wenig witzig sie ist 🙂

7. Finger weg vom Honig! Da wurden nämlich Bienen ausgebeutet.

Ja werden sie. Und nicht nur das. Ignorantes Biest! More Than Honey nicht gesehen?

8. Parmigiano? Kein Problem für den Veganer, der es gerne authentisch mag. Er hat verschiedene «No-Muh-Chäs» Sorten. Ob die italienischen Köche diesen «Scherz» lustig finden? Wir möchten diese Parmigiano Reggiano Tragödie gar nicht erst zu Ende denken.

Hatten wir den Punkt «Käseersatz» nicht schon abgeschlossen? Diesen Punkt verstehe ich übrigens in seiner Ganzheit nicht:

9. Mischtchratzerli und Chicken Wings? Auch hier ist der Veganer nicht um einen Ersatz verlegen: «Vegane Poulet-Schenkel mit Plastik- oder Bambusknochen» gibt’s in Onlineshops. Bevor wir Nicht-Veganer Sojafasern von Plastikknochen nagen, ersticken wir lieber an einer Fischgräte.

Vor genau 6 Punkten ging’s bereits um genau dasselbe. Oh wow, vegane Produkte nehmen nicht einmal halt vor Geflügel? Diese Schufte. Ein Fischersatzprodukt habe ich übrigens noch keines gesehen und freue mich über Tipps. Auch hier wieder: Das ist alles reine PR. Genauso wie es in der Kinderüberraschung ein Spielzeug drin hat, das spass macht, macht es spass, etwas von einer Stange zu nagen. In der Schule haben wir auf Schulreisen Brotteig um Stöcke gewickelt und diese gebrätelt … Ersatzproduktalarm! Unsere Lehrerin war bestimmt Veganerin. Was? Das haben alle gemacht? Das nennt man Schlangenbrot? Ist das Schlangenfleischersatz?

10. Wer nun meint, Veganer seien Tierfreunde, der irrt. Auch ihre Haustiere haben sich der veganen Diät zu fügen. Wir sagen: Böse vegane Tierliquäler!

Das ist doch sehr generalisierend. Ich bezweifle, dass alle Veganer ihren Tieren nur veganes Futter vorsetzen. Die meisten die ich kenne, ernähren ihr Haustier, wenn sie denn eines haben, genau so, wie es der Natur des Tieres entspricht. (Damit meine ich nicht Sheba)

11. Vegankoch Attila Hildmann, der sich in der Küche gerne auch mal oben ohne präsentiert, zieht ein Sojagetränk einem Glas Wein vor… Wir fragen: Welche Dame schlüpft ins kleine Schwarze, um mit einem gegärten Bohnentrunk anzustossen?



Attila Hildmann ist mir persönlich auch nicht sehr sympathisch. Aber das ist eine persönliche Meinung. Auch, dass ich ihn «fett» einiges attraktiver fand, ist nur eine persönliche Meinung. Inwiefern Wein vs. Sojagetränk etwas mit Vegan-sein zu tun hat, bleibt mir indes Schleierhaft. Ich zum Beispiel trinke lieber einen warmen Pflaumenwein als ein Glas Bier. Was sagt das über mich aus?

12. Promis sind bekanntlich sehr empfänglich für Furz-Ideen wie Kabbalah, Naked Yoga, Scientology und so weiter. Kein Wunder gibt es schon eine ganze Schar veganer Stars. Natalie Portman tut es seit 2009. Nach einer Magersuchtphase hat sich Alanis Morissette nun für vegane Bulimie entschieden.

Jaaa, Promis. Ich kann einfach nicht mehr dazu sagen und nur den Kopf schütteln.

13. Auch Avril Lavigne ernährt sich vegan. Und guess what: Vom veganen Ufer isst Ellen DeGeneres. Auch die Williams Schwestern, behaupten sie zumindest. Und Pamela Anderson. Aus Pietätsgründen wollen wir nicht tiefer bohren.

Jaaa, mehr Promis!

14. Wir erinnern uns zurück. Anno 1997 verbiss sich Mike Tyson noch an Ohren. 2012 outete er sich als Veganer und Kamillentee-Trinker. Alles längst passé. Aktueller Stand: Alkoholiker. Ab in die nächste Runde!

Jaaa, noch mehr Promis. (Ich denke Alkoholiker können gleichzeitig Veganer sein)

15. Bill Clinton hat, seit er vegan ist, keine fleischlichen Gelüste mehr. Jackass Steve-O ist ebenfalls vegan und ausserdem bei PETA. Wir werden sein Fudi also noch öfter sehen. Shit man!

Nein!

16. Wir fassen zusammen. Abstruse Fleischersätze. Crazy Promis, die schon vor der Veganphase eine Schraube locker hatten. Eine ganze Palette an Nuggets, Würsten, Plätzchen, die allesamt gleich schmecken. Nach nichts. Wir warten gespannt auf mehr wahnwitzige Ideen. Vegansexuelle gibt es schon.

Nein mit Nachdruck und dramatischem Zoom

Fazit 1: Es gibt viel mehr Vegi-Produktarten als ich dachte. Klingt für mich nach «noch viel zu entdecken».
Fazit 2: Fasst man die Punkte zusammen, die eigentlich dasselbe aussagen, sind es nur 10 «Gründe».
Fazit 3: Die angepriesenen «guten Gründe», sind weder «gut» noch «Gründe».
Fazit 4: Ich verwende aus Schludrigkeit und Faulheit vegi und vegan als Synonyme. Bitte entschuldigt.

Soooodeli, ich hoffe ich konnte gleich stark zurückhaten wie bereits gehated wurde. 🙂

Und für alle, die sich fragen: Ja, ich frage mich auch, warum es mir so wichtig war, das hier niederzuschreiben. PR und Marketing? Wer weiss…

Auf dass wir alle etwas toleranter werden. Auf allen Ebenen. Und ja, ich wünsche das auch für mich.

Ich gehe jetzt kein Steak essen. Bis bald. Pfoff.

 

 

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