20. Februar 2014 um 13:18 Uhr

Ich sterbe mit einer Trophäe

Sinn und Unsinn vom Freundlichsein

Ich halte mich wirklich für eine ziemlich nette Person. Freundlichkeit hat viele Ebenen und ich denke, einige davon abzudecken:

Natürlich all das nur «mehr oder weniger». Ich ticke ab und zu auch aus und bin dann ein wenig bösartig. Das bekommen aber (leider) nur meine nächsten Freunde zu spüren und geht auch selten länger als 5 Minuten. Dennoch weiss ich dank der Beschimpfungsklage, dass alle meine Freunde für meine Freundlichkeit die Hand ins Feuer legen. Alle.

Wohin hat mich diese Freundlichkeit aber sonst gebracht? In meinem Umfeld machen die Menschen Karriere, während mich meine Hilfsbereitschaft den letzten Job gekostet hat. Nicht, dass ich irgendwelche Ambitionen hätte oder Karriere machen wollte. Wenn wir die Sache aber objektiv betrachten, hat die Ellbogengruppe aber auch selten Ambitionen.

Als einer der Gruppe, die stehen bleibt, fragt man sich, wie die zu ihren hohen Positionen kommen. Durch harte Arbeit, Hilfsbereitschaft und Teamfähigkeit? In den wenigsten Fällen. Zumindest nicht durch härtere Arbeit als andere. Das stetige Befördern passiert einfach und scheint ein natürlicher, vollkommen unabdingbarer Reflex zu sein. Evolution.

  1. Der Erfolgreiche delegiert unwichtige Aufgaben
  2. Die Beta-Angestellten sind zu Hilfsbereit (somit zu beschäftigt) um Zeit für prestigeträchtige Aufgaben zu finden
  3. Sie sind überarbeitet während Alpha sich nach getaner Arbeit zurücklehnen kann.
  4. … Kommt die Lohn und Beförderungsrunde macht der Alpha-Angestellte oberflächlich gesehen den besseren Eindruck und puff! Man kann niemandem böse sein, denn wirklich bösartig verhält sich wahrscheinlich keiner. Es liegt halt in der Natur des Ellböglers zu ellbögeln.

Das soll kein Pamphlet werden, mit welchem die vom Misserfolg Geplagten alle Schuld auf die Erfolgreichen schieben können. Natürlich gibt es Leute, die Auszeichnungen, Abschlüsse und tolle Zertifikate haben. Sie haben für Ihre Ziele gearbeitet, haben viel investiert. Da sieht die Sache schon ein bisschen anders aus. Aber am End‘ wohl auch nicht wirklich. Ein Titel allein reicht oft nicht.

Ich spüre, wie das Leben mir zu zeigen versucht, dass mein Verhalten gegen alle Regeln der Evolution verstösst. Man muss vorwärts kommen wollen. Muss die Mitstreiter tödlich verletzen wollen. Muss immer in der Angst leben wollen, vom Nächstjüngeren aufgefressen zu werden. Das Überleben des Stärkeren zählt und man muss der Stärkere sein wollen. Aber womöglich wäre genau dieser Regelverstoss das, was uns von den anderen Tieren unterscheidet. Ich habe versucht, anders zu sein, ein Ellbögler, ein Alpha zu werden. Aber es scheint mir genauso unmöglich wie der umgekehrte Weg. Wahrscheinlich ist Unterwürfigkeit genauso mein Naturell, wie Unterwerfen das Naturell jener anderen ist.

Mein Mann sagt oft «Du bist so lieb!» und kürzlich dachte ich: «Das stimmt eigentlich. Ich sollte einen Orden oder eine Trophäe dafür erhalten erhalten.» Mein zweiter Gedanke: «Sterben würde ich trotzdem.»

«Pfoffie ist tot. Er hinterlässt nichts (ausser einer Freundlichkeits-Trophäe). Aber er war wirklich TOTAL nett.»

Lohnt sich das? Die Antwort auf diese Frage ist wohl das, was die Spreu vom Weizen trennt.

«Die Reichen und Berühmten sterben dafür unglücklich und alleine», will ich mir einreden. Kindergeschichten haben mir das beigebracht. Aber das ist wie Religion nur Morphium, das die Wahrheit erträglich zu machen versucht. Scrooge ist eine unwahre Legende. Die meisten Gewinnertypen sind weder verbittert noch bösartig und schon gar nicht allein. Sie wirken charmant und bewundernswert, können sich die anderen wie Haustiere halten.

Mir kam der Gedanke, dass Alpha- und Betatierchen erst gar nicht zur gleichen Spezies gehören. Doch so arg ist der Unterschied wohl auch wieder nicht. Womöglich gleicht es eher dem Geschlecht. Eine auf den ersten Blick klare Klassifizierung wird beim genauen Hinschauen verschwommen. Man kann versuchen aus seiner Kaste auszubrechen, versuchen sich zu emanzipieren, sich umwandeln und so geben, wie man gerne wäre.

Aber macht das wirklich sinn? Bin ich ein Alpha im Körper eines Beta? Anführer im Körper eines Arbeiters? Oder sollte ich versuchen, mich mit der Situation abzufinden? Ich sollte froh sein, zum Glück bin ich kein Gamma, oder? So zu tun, als hätte ich die gleichen Voraussetzungen wie andere … vielleicht ist das für einige eine Option. Aber auch das braucht Ressourcen und man muss eben Prioritäten setzen.


Habt ihr gemerkt, wie diese ganze Sache in etwas abdriftet, das in keiner Weise mehr etwas mit Freundlichkeit zu tun hat. Oder doch? Ich führte kürzlich ein Gespräch darüber, wie ich meistens einfach bin, wie ich eben bin. Freundlich, seltsam, lustig, aufgeschlossen und eben nicht aufgesetzt. Im Gegensatz zu vielen Menschen in meinem entfernten Umfeld, die stets eine Maske zu tragend scheinen. Es sind dies dieselben Menschen, die eben auch Karriere machen. Gibt es da einen Kausalzusammenhang? Womöglich. Ich bin freundlich, weil ich nicht anders kann. Sie, weil sie sich davon wahrscheinlich etwas versprechen. Womöglich nicht während sie mit mir sprechen. Dieses Aufgesetzte kann man aber wohl nicht einfach so abstellen.

Womit wir zum Kern vorgedrungen sind: Naive, ehrliche Freundlichkeit ist das, was den Betatypen enttarnt.

Aber ist es schlimm, naiv zu sein? Ich denke nicht, solange man sich dessen bewusst ist. Ist das ein Widerspruch? Es ist eine Sache, unterschätzt zu werden. Zu wissen, dass man unterschätzt wird, eine andere. Naiv zu sein ist in Ordnung und auszuhalten, solange man auch mit den Konsequenzen umgehen kann. Dem lieben Betatier bleibt nur der Gewinn in der Defensive: Wenn sich die Alphas alle gegenseitig aus dem Weg geräumt haben, kriegt der Einäugige unter den Blinden den grossen Gewinn. Und der Einäugige könnte in diesem Fall einfach der netteste sein. (Obwohl: Meine Theorie impliziert, dass … ach egal, wir wollen den grossen Gewinn ja gar nicht 😉 )

Wahrscheinlich vergleiche ich mal wieder Äpfel mit Birnen mit Ananassen mit Kirschen mit … aber ein Fruchtsalat kann auch ganz schön aufschlussreich und abführend sein.

Eine Randbemerkung noch: Ich habe gerade einen Film gesehen, der überraschend gut passt. «The Philosophers» behandelt genau dieses Thema aber aus einer vollkommen anderen Perspektive. Logik, Vernunft und Gefühl werden in verschiedenen Gedankenexperimenten ausgetestet. Schaut euch den Film unbedingt an. Stoppt den Film, wenn die Lektion vorbei ist und die Schüler ihre Bücher abgeben. Das ist der Moment um über den Film zu philosophieren. Der «richtige» Schluss des Filmes ist unglaublich enttäuschend. Ich werde über den Film in Kürze bloggen.

Euer Betapfoff, der sein Schicksal akzeptiert und kauernd auf seine Chance wartet. Verdammt, da war sie, ich habe sie verpasst!

TL;DR: Um es im Leben zu etwas zu bringen, muss man kämpfen ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist Evolution. Man will es zu etwas bringen, oder man denkt, man müsse es wollen. Die Freundlichen und Hilfsbereiten bleiben stehen. Lohnt es sich, freundlich zu sein aber dafür als arme Kirchenmaus zu sterben? Die Frage scheint einfach. Die Antworten sind aber unerwartet vielfältig. Ist man erst mal stehen geblieben, wird es schwer, die anderen noch zu überholen. Sollte man in diesem Fall einfach sein Schicksal akzeptieren? Ich befürchte es.

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