13. Oktober 2010 um 12:51 Uhr, 9 Kommentare

«Der Lehrer» – Meine grösste Enttäuschung

Dies ist nun schon die dritte von vier biographischen Kurzgeschichten, die ich am Montag angedroht hatte. Sie ist die einzige, die einen sehr negativen und somit auch wunden Punkt meines Lebens anspricht. Ich hoffe, ich kann sie trotzdem spannend und mit gleichem Willen schreiben, wie die vorherigen zwei. Natürlich ist auch hier wieder das Ziel Orientierung, Problem, Bewertung und Auflösung als Geschichtsabschnitte einzubinden.

«Der Lehrer» – Meine grösste Enttäuschung

Ich war immer eines dieser Kinder, das die Lehrer mochten. Ausser an Mathe, war ich an allem interessiert und auch durch’s Band gut. In meinem Heimatort ist es so, dass man in der Primarschule alle zwei Jahre den Lehrer wechselt. Wir hatten einen etwas anderen Ablauf und wechselten vom dritten zum vierten Jahr noch einmal mehr als alle Anderen.  Das war aber kein Problem, auch wenn alle unsere neue Lehrerin hassten, ich fand sie und auch ihren Unterricht toll. Gegen Mitte dieses vierten Schuljahres wurden wir dann informiert, welchen Lehrern wir im daruffolgenden zugeteilt wurden. Als ich sah, wem wir zugeteilt waren, hatte ich schon mein erstes mulmiges Gefühl. Es war der Vater meines Erzfeindes.

Ich startete das fünfte Jahr mit einer leichten Angst vor dem neuen Lehrer. Gleichzeitig hatte ich auch noch meinen besten Freund an das Sitzenbleiben-Virus verloren. Ich stand der Gefahr alleine gegenüber. Natürlich redete ich mir ein, dass alles gut kommen würde. Warum sollte mir dieser Lehrer auch etwas schlechtes wollen? Als Lehrer würde er bestimmt objektiv genug sein, diese privaten Unstimmigkeiten aussen vor zu lassen. Leider war dies ein gewaltiger und weit reichender Irrtum. Fehler meinerseits wurden an die grosse Glocke gehängt. Zu schwierige Aufgaben mussten von mir an der Wandtafel gelöst werden. Meine Stärken wurden weder erkannt noch gefördert und schon gar nicht gelobt. Schikane um Schikane, jede Woche, jeden Tag.

Ich hasste ihn. Ich hatte zuvor gedacht, ihm eine Chance geben zu können. Er war nur der Vater meines kindlichen Antagonisten und mir war trotz meines alters diese Objektivität gegeben, die ihm anscheinend fehlte. Ich wurde immer öfter Krank, interessierte mich kaum noch für die Schule und machte keine Hausaufgaben mehr. Dies alles tat natürlich nicht nur mir, sondern auch meinen Leistungen nicht gut. Die Noten sackten in unglaubliche Tiefen und mit ihnen das Vertrauen meiner Eltern.

Das im ersten Moment als glück empfundene Handeln meiner Eltern, ein Problem zu bemerken, führte dazu, dass ich mich ihnen öffnete. Ich erzählte, dass mein Lehrer mich schikaniert. Erzählte, dass er immer vor all meinen Schulfreunden auf Fehlern rumhacke, die ich gemacht hatte. Und so kam es, dass wir eines Abends am grossen Tisch im Schulzimmer sassen. Mein Lehrer, meine Eltern und ich. Der pädagogische Anführer ergriff das Wort und redete auf meine Eltern ein. „Was ist denn nun das Problem? Was hat René denn? Er ist eigentlich ein netter Junge. Ich versuche ihn zu untestützen. Ich will das Beste für ihn.“ Meine Eltern schauten mich fordernd an. Der Lehrer schaute mich noch fordernder an. Er sagte, mit seinen starken und perfekt gewählten Worten, dass ich doch nun nur ein Beispiel nennen soll, wie er mich denn schikaniere. Ich sass auf dem harten Holzstuhl, sah kaum über die grüne Tischplatte aber dafür direkt in die fordernden, grossen, bösen Augen des Lehrers. Ich versuchte in den Augen meiner Eltern schutz zu suchen, fand ihn aber nicht. Sie waren alle so gross und ich war so klein. Ich sagte nichts. Es gab so vieles, aber ich sagte nichts.

Einige unangenehme Momente später sassen wir im Auto und ich hörte mir eine lange Schelte mit Vorwürfen der Zeitverschwendung und Blossstellung an. Ich entschied mich, nichts mehr zu sagen. Nie mehr. Auch beim Lehrer hatte das Gespräch Auswirkungen. Er entschied sich schlussendlich dafür, seine pädagogisch wertvollen Schikanen zu verstärken.

Ende

Und ich sag‘ euch eins, wäre das nicht so passiert, hätte ich bestimmt schon einen Bestseller geschrieben. Aber es wären auch so viele, so gute Freundschaften niemals zustande gekommen, dass es vielleicht sogar gut so war? Gleichzeitig darf ich natürlich auch nicht behaupten, dass nur eine einzelne Person an allem negativen schuld war. Aber dieser fiese Mistkerl hat schon seinen sehr wichtigen Beitrag zur Entfaltung meiner schlummernden Faulheit beigetragen.

Jetzt noch schnell die Abschnitt-Analyse:  Die Orientierung findet hier natürlich als Beschreibung meiner Person als Schüler statt. Das Problem entsteht, als ich diesem Lehrer zugeteilt wurde und mein bester Freund nicht. Die Bewertung liegt auf der einen Seite in der Erkenntnis, dass ich jenen Lehrer hasse und andererseits (am Anfang des dritten Abschnitts) darin, dass ich die Reaktion meiner Eltern zuerst als positiv bewerte. Die negative Auflösung ist in diesem Fall das Lehrer-Eltern-Schüler-Gespräch und die daraus entstehende Erkenntnis, dass man nicht auf meiner Seite ist. Genau diese Erkenntnis, dass man mich nicht ernst nimmt, war die bisher enttäuschendste in meinem ganzen Leben.

Ich hoffe euch hat das Lesen mehr spass gemacht als das Schreiben mir.

Cheers, Pfoff.

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