14. Juli 2010 um 23:09 Uhr, 10 Kommentare

Kurzgeschichte: Diese Strasse, dieses Haus

Hallo meine liebsten Leser. Es ist mal wieder so weit: Eine Geschichte drang sich mir auf, die schnell und kurz erzählt werden wollte. Sie ist weder Auto- noch sonstwie Biographisch. Mehr zum Hintergrund danach.

Diese Strasse, dieses Haus
Als ich zum ersten Mal merkte, dass etwas absolut und ganz und gar nicht stimmen konnte, war es schon zu spät. Ich war schon zu tief in deren Fängen. Aber das war ich ja, laut Ihnen, sowieso schon seit jeher.

Wahrscheinlich begann es an dem Punkt, als meine Frau mich verließ. Ich soll zwar nicht schreiben, dass sie mich verlassen habe, aber das ist mir egal. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich damals erst angefangen hat, aber ich halte es für erwähnenswert.

Wir waren ein wunderbares Paar. Verbunden auf eine Art, die ich jetzt noch kaum fassen kann. Und dann verlässt sie mich – von einem Tag auf den Anderen.

Wo wir gerade von Anderen sprechen – Ich traf damals ihre Mutter. Ich mochte sie, wusste ich doch damals nicht, dass sie eine von ihnen ist.

Es ging mir gut, immer besser mit der Zeit. Schlussendlich gar sehr gut. Ich musste sie überwunden haben. Es bot sich ein neuer, besserer Job an und ich nahm ihn fröhlich an.

Da sah ich es zum ersten Mal: Dieses Haus.

Ich kümmerte mich nicht darum, obwohl es doch eindeutig eine ganz spezielle Faszination in mir weckte. Die Arbeit war toll. Anfangs hatte ich das Gefühl, das Haus wäre weit von meinem Arbeitsplatz entfernt. Doch es schien Monat für Monat, Woche um Woche, immer näher zu kommen. Auch der Weg zur Arbeit und zurück fühlte sich immer kürzer. Meine Uhr jedoch, bewies natürlich jeden Tag, dass mein Gefühl falsch war.

Eines Morgens aber, konnte ich schon aus der Wohnung das Dach des Hauses ausmachen. Ich wusste, das konnte nicht sein. Es war gerade der letzte Arbeitstag der Woche und ich entschied mich, etwas mehr über dieses Haus herauszufinden.

Anscheinend wurde es im Namen eines städtischen Heiligen erbaut. Lange Zeit, so schien es, wurde es auch zu religiösen Zwecken gebraucht. Später war es ein höher gestelltes Wohnhaus und zuletzt, ja, zuletzt war es ein Haus für geistig behinderte Menschen. Ein Irrenhaus. Und jetzt, ja was war es jetzt? Ich konnte es nicht herausfinden.

Am Samstag zeigte es meinem Fenster schon seine Eingangstür und ich entschied, es genauer zu untersuchen.

Ich klingelte, niemand antwortete. Ich klopfte, niemand antwortete, aber die knorrige, alte Tür schwang leicht knarrend nach innen auf. Ich betrat den staubigen Gang und durchquerte ihn langsam. Der Boden unter mir knarrte und knackte bei jedem Schritt. Ich fühlte mich aufgehoben, absolut sicher. Selbst als ich ihn sah, diesen Schatten, fühlte ich mich noch immer absolut und vollkommen wohl.
Dann trat er in’s Licht.

Ich schrak zurück. Sah Ich doch auf einmal diese Uniform, dieses fremdartige Gesicht und diese bösen Augen. Ich rannte durch den Gang, zurück auf die Strasse und schaute mich um. In meiner plötzlichen Furcht hatte ich gar das Gefühl, mein Haus wäre schon wieder etwas näher gekommen.

Ein Irrenhaus fraß unsere Nachbarschaft. Eines war mir nun klar: Ich musste umziehen.

Gesagt, getan. Zwei Monate später wohnte ich eineinhalb Stunden davon entfernt. Nach meinem treffen der dritten Art entschieden sie sich zwar offenbar, sich wieder von mir zu entfernen. Trotzdem wollte, nein, musste ich weg von da. Mein Job blieb gut. Auf einmal wurde ich nicht mehr gebraucht. Der Job, das Einkommen – auch sie verließen mich, wie meine Frau es tat.

Mein täglicher Weg veränderte sich. In eine andere Richtung, ein anderes Dorf. Ein anderes Leben. Die unheimliche Begegnung, das böse Haus. Sie begannen langsam zu verbleichen, wurden zu scheinbaren Träumen aus einer anderen Zeit – gar einer anderen Welt.

Und dann traf ich sie wieder, ihre Mutter. Sie sagte, sie müsse mir etwas zeigen. Ich folgte ihr natürlich. Etwas war seltsam, diese Strasse, sie kam mir unheimlich bekannt vor. Ich konnte sie aber nicht zuordnen.

Unser weg endete vor einem hohen Haus. Sie drang mich, es zu betreten, was ich auch tat. Eine Glastür öffnete sich vor mir und ich trat ein. So automatisch, wie sie sich aufgeschoben hatte, schob sie sich auch hinter mir wieder zu. Es war ein modernes Gebäude. Ein langer, heller Gang erstreckte sich vor mir und ich begann, ihn entlangzulaufen. Ich bemerkte nicht, wie mit jedem Schritt das Geräusch unter meinen Füssen sich veränderte. Erkannte nicht, dass der Gang mit jedem blinzeln etwas dunkler wurde.

Am Ende des Korridors war eine Tür. Ich berührte die Falle und fühlte mich plötzlich an jenes Haus erinnert. Ich drehte mich in einem unerwartet heftigen Ruck um und sah, dass es wirklich genau jener Gang war, in welchem ich schon vor wenigen Monaten mit dem Unfassbaren kämpfte.

Ich rannte erneut raus. Draußen standen sie und der andere. Beide mit abnorm verzogenen, unglaublichen Gesichtern. Sie Sprachen in ihrer bizarren Fremdsprache und ich wusste, ohne etwas zu verstehen, dass sie über mich Sprachen.

Ich rannte weg, in meine Wohnung. Versuchte, mir einen Plan zu überlegen. Ich musste weg, so schnell wie möglich. Ich buchte ein Ticket für Ferien. Weit weg, ganz weit weg. Und schliesslich legte ich mich schlafen.

Mit dem Ticket sicher in der Tasche saß ich am nächsten morgen in der Garage und wartete auf das sich öffnende Tor. Ich staunte nicht schlecht, als ich den obszönen Akt der Ausserirdischen sah. Direkt vor meiner Einfahrt war dieses Haus entstanden. Alles passte, sogar die Strasse war da. Die Strasse schien so wichtig, und das obwohl sie absolut keine speziellen Merkmale oder Eigenschaften vorzuweisen hatte.

Ich fuhr los, zum Flughafen. Ich fuhr, es schien viel zu lange zu dauern. Mit einem Mal wurde mir erschrocken klar: Es war wieder diese Strasse. In einem scheinbar unendlichen Zyklus wiederholte sie sich. Die Umgebung veränderte sich immer, schien niemals gleich. Aber die Strasse, ja, sie war immer dieselbe.

Auf einmal erschien zwischen den zufällig scheinenden Häusern dieses eine. Ich raste vorbei, weiter in Richtung der totalen Geraden dieser Strasse. Wusste, es gab nur Flucht. Aber tief in mir befürchtete Ich, dass es keinen Ausweg geben würde.
Und ich hatte Recht. Eine plötzliche, scharfe Rechtskurve und ich kam von der Strasse ab. Raste über eine enorme Wiese, einen leichten Hügel hoch und ungebremst darüber hinweg. Ich fand mich, noch immer rasend, inmitten einer unglaublich großen Kuhle wieder. In der Mitte sah ich das Haus und die Strasse. Den Anfang und das Ende der Strasse konnte ich nicht ausmachen, da beide neben dem Haus schnell in der Wiese verwucherten.

Mit einem lauten Knall raste ich in die Wand. Unzählige, nicht näher definierbare Teile zischten an mir vorbei. Es riss mich aus meinem Wagen, durch Wände, Türen und anderes.

Plötzlich kam ich zum Halt, es war dunkel und mein Name wurde gesagt. Ich drehte mich und lag sogleich auf einem Bett in einem hellen, sterilen Zimmer. Der Alien war da, starrte mich verzerrt an und bemühte sich in meiner Sprache.

Er forderte mich auf, alles aufzuschreiben, was passiert war.
Jeden Tag kommt er nun und fordert die Geschichte von mir. Er sagt, er käme, bis ich es verstanden habe. Die Geschichte ändert sich niemals und trotzdem denke ich, ich verstehe es jetzt.

– Ende –

Die Inspiration zu dieser Geschichte kam von zwei Seiten. Die Idee hatte ich zum ersten Ma, äks ich merkte, dass ein Haus, welches ich jeden Tag Kreuze, ein eben solches Irrenhaus ist. «Was wenn ich eigentlich Insasse bin und das Gebäude wär die einzige Sache, die mich daran erinnern soll?» Die Idee dieser Frage reichte aber noch nicht aus. Da kommt Petra in’s Spiel. Sie, ihr Job und unsere Kommunikation haben mich immer wieder daran erinnert (und das ist absolut als Kompliment gemeint). Und Gestern im Zug war es dann so weit: Es schrieb. 😉

Was haltet Ihr davon? Und wer kennt die Lösung zu diesem nicht sehr schweren Rätsel? (hahaha und ja, mich erinnert diese Geschichte auch an eine Buffy-Episode)

Cheerio the pfriter

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